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Dieser Artikel wurde am 25. Juni 2008 um 02:15 Uhr in der Rubrik Kommentare und Anmerkungen veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Wie verfahren wir weiter mit der Altersteilzeit?

Die RÜGANER ANZEIGER-Kolumne: Von Dr. Udo Knapp (SPD)

Ende 2009 läuft die Altersteilzeit, der staatlich geförderte Übergang in die Altersrente aus. Nach geltendem Recht können 55 Jahre alte Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit halbieren. Diejenigen, der 400.000 Arbeitnehmer, die heute davon Gebrauch machen wollen, gehen z.B. mit 57 für sechs Jahre in die Altersteilzeit. Sie arbeiten dann die ersten drei Jahre voll, bleiben die zweiten drei Jahre zu Hause, gehen dann mit 63 mit leichten Abschlägen in die vorzeitige Rente. Während der sechs Jahre erhalten sie 50 Prozent ihres vorherigen Gehaltes, dass von den Arbeitgebern auf bis zu 70 Prozent (bei den Metallarbeitern sogar bis zu 82 Prozent) aufgestockt wird. Die Arbeitgeber bezahlen auch die höheren Beiträge für Rentenversicherung und Steuern während der ganzen Altersteilzeit.

Der Betrag über die 50 Prozent des Tarifgehaltes für die halbe Arbeitszeit hinaus, die Sozialversicherung und die Steuern dafür, werden den Arbeitgebern durch die Bundesanstalt für Arbeit erstattet, wenn sie für die freigewordene Stelle einen Arbeitslosen oder Auszubildenden einstellen. Nach 2009 werden den Arbeitgebern für die Altersteilzeit nur noch der Aufstockungsbeitrag für die Sozialversicherung und die Steuern erstattet. Immerhin, auch unter diesen Bedingungen kann das Modell für einige ältere Arbeitnehmer noch ein attraktiver Übergang in die Rente sein.

Obwohl die SPD dieses Modell in harten Auseinandersetzungen gegen ihre eigenen Mitglieder und vor allem die Gewerkschaften unter Kanzler Schröder vor einigen Jahren durchgesetzt hat, will sie nun die Regelung mit leichten Änderungen bis 2015 weiterlaufen lassen. Der Koalitionspartner CDU hält am Ende der Altersteilzeit Ende 2009 fest. Mit der Altersteilzeit sollte in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit den Alten die Chance gegeben werden gleitend in die Rente zu gelangen und Jungen der Weg in dauerhafte Arbeit geebnet werden. Beide Ziele wurden nicht erreicht. Die Unternehmen haben die Altersteilzeit genutzt, um ihre Belegschaften auf Kosten der Allgemeinheit zu verjüngen und schließlich abzubauen. Inzwischen haben sich die demographischen Rahmenbedingungen verändert. Immer mehr Alte, immer weniger Junge - diese Tatsache hat schon zur Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre und zu einer faktischen Rentenkürzung für alle geführt. Darüber hinaus werden alle Unternehmen in allen Branchen schon in wenigen Jahren von einem Fachkräftemangel auf allen Ebenen betroffen sein. Wirtschaft und Gesellschaft sind dann darauf angewiesen, ihre Alten, ihre Erfahrungsträger länger in ihren Betrieben und Unternehmen zu halten. Sie müssen dann ohnehin für ihre Alten ihnen angemessene Formen der Arbeitszeit und der Bezahlung erfinden und umsetzen, weil sie sonst ihre Betriebe nicht weiterführen können. Das gilt auch für die Politik. Schon heute finden sich unter den Jungen allein kaum genügend Kandidaten für Wahlämter auf allen Ebenen. An einer Verlängerung der Altersteilzeit, dem frühzeitigen Verrenten können Wirtschaft und Gesellschaft also gar kein Interesse haben. Mit ihren Vorschlägen zur Verlängerung der Altersteilzeit hat die SPD einen neuen schönen Koalitionskrach mit der CDU vom Zaun gebrochen, frühzeitig den Wahlkampf eröffnet, aber dabei die Chance verspielt vor dem Hintergrund der demographischen Tatsachen insgesamt das Bild und die Rolle der Alten in Wirtschaft und Gesellschaft neu zu bestimmen. Die sichere Rente mit 65 oder 67 mit auskömmlichen, menschenwürdigen Renten für einen unbeschwerten dritten Lebensabschnitt - das ist eine sozialpolitische Errungenschaft, die es jenseits Europas und seiner Industrienationen gar nicht gibt und die mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss. Das wird gelegentlich über allem politischen Streit vergessen. Aber dennoch gilt: die Lebensbedingungen der Alten in Wirtschaft und Gesellschaft haben sich verändert.

Heute bei der durchweg höheren Lebenserwartung, der insgesamt höheren Gesundheit der Alten und beim fehlenden Nachwuchs wegen der niedrigen Geburtenzahlen, sind die starren Altersgrenzen und der einseitige Blick auf den allgemeinen geordneten und für alle gleichen Übergang in die Rente nicht mehr angemessen. Abhängig von Berufen, Arbeitsbelastungen und Bezahlung, abhängig vom individuellen Gesundheitszustand und den Interessen der einzelnen Alten, abhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Anforderungen am Arbeitsmarkt, abhängig schließlich auch von den unterschiedlichen Lebensarbeitskarrieren und daraus folgend der Höhe der individuell zu erwartenden Renten ergeben theoretisch sich eine unüberschaubar große Zahl an Wegen in den Ruhestand und in die Rente. Praktisch reagiert unser System des Arbeitsausstiegs darauf bisher nicht. Egal wer, egal wo, egal wie - wer die 65 plus x erreicht, der stört, der muss gehen, ganz gleich, was er noch kann und völlig gleich, was er selbst will.

Die Alten werden auf den sogenannten geruhsamen Lebensabend, aufs Nichtstun, auf die Altenbank im Park, wenn es hoch kommt aufs Ehrenamt und ansonsten auf die Rundumversorgung im Pflegeheim verwiesen. Vor allem sollen sie nicht stören, im Alltag nicht und mit ihrer Besserwisserei gehen sie sowieso allen auf die Nerven. Der Altenclub, die Bank am Hafen werden ihnen zugestanden, aber ansonsten sollen sie das Maul halten, sich ins unvermeidlich nahe Ende fügen. Viele Alte erfüllen diese Rollenerwartung, nach außen geben sie sich zufrieden, aber tatsächlich leiden viele von ihnen an der Tatsache des kalten und bürokratischen Abschiebung in die Bedeutungslosigkeit. Dabei wäre es ganz einfach und gesellschaftlich sogar nützlich hier ein neues, menschlicheres Kapitel eines individuell bestimmten Lebens im Alter aufzuschlagen. Alle starren Altersgrenzen, für Renten, Arbeitszeiten ebenso, wie für Ämter und Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft werden aufgehoben. Statt der Grenze von 65 wird ein Korridor von 60 bis 70 eingeführt, in dem jeder nach seinen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten entscheiden kann, wie viel er arbeiten will, wie viel er verdienen, welche Ämter er bekleiden will. Selbstverständlich muss eine solche Flexibilisierung so organisiert werden, dass die Sicherheit eines menschenwürdigen Rentenversprechens nicht unterlaufen werden kann.

Aber das sollte bei einiger ökonometrischer Phantasie kein Problem sein. Wichtig an diesem einfachen Vorschlag ist vor allem das Signal an alle Alten: Ihr werdet gebraucht, dingend, so lange ihr könnt und wollt, gehört ihr zu uns in der Mitte der Gesellschaft. Jede Diskriminierung, jeden Altersrassismus werden wir alle gemeinsam unterbinden. Eine solche politische Forderung wäre ein echtes Wahlkampfthema, sie könnte das elende Gezerre um ein oder zwei Euro Rentenerhöhung, die auch noch als Erfolg verkauft werden müssen, die Reduzierung jeder Politik auf Versorgungsfragen und Versorgungssicherheit mit politischer Klugheit, Weitsicht und einem angemessenen Angebot an die Alten auf gesellschaftliche Teilhabe überwinden.