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Dieser Artikel wurde am 25. März 2009 um 02:15 Uhr in der Rubrik Kommentare und Anmerkungen veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Wie schützen wir unsere Kinder vor dem Bösen?

Kolumne im OSTSEE ANZEIGER - Der Rüganer: Von Dr. Udo Knapp (SPD)

Die auf Freiheit und Entscheidung ruhende Verneinung des Guten ist als Quellgrund des Bösen anzusehen, so Joachim Wanke, Bischof von Erfurt. Tausende Jugendliche, überwiegend Jungen, verbringen täglich zwischen drei bis vier Stunden im Internet, verschwinden in virtuellen Welten, die nur ihre eigenen Gesetze kennen. Neben dem Computer und der Spielkonsole finden sich im Kinderzimmer von heute auch noch der eigene Fernseher, der Kassettenrecorder, der MP3-Player und das digitale Handy, natürlich alles vernetzt und multifunktional einsetzbar. Das Denken dieser „digital natives“ ist deren Eltern nicht nur fremd, die Eltern haben auch gar keine Chance mitzukommen, in welchen Gedankenwelten sich ihre Kinder bewegen, da ihnen in der Regel jedes Verständnis für die neuen Medien fehlt.

Mit dem Amoklauf von Winnenden hat dieses Versagen der Gesellschaft vor ihrer eigenen revolutionären Modernisierung direkt nichts zu tun.

In den Haushalten der Republik finden sich trotz strengen Waffenrechts tausende von Schusswaffen unkontrolliert in privater Hand. Obwohl aus den USA bekannt ist, dass der freie Zugang zu diesen Waffen direkte Ursache einer erschreckenden Zahl von Gewaltverbrechen jeder Art ist, werden die Regeln für den privaten Waffengebrauch bei uns nicht korrigiert. In den USA übrigens bisher auch nicht. Mit dem Amoklauf von Winnenden hat diese politische Angst vor den Waffenlobbyisten direkt nichts zu tun. Frauen und Mädchen der Republik, aber auch weltweit, sind gesellschaftlich in jeder Hinsicht auf dem Vormarsch. Das Jahrhunderte alte Bild vom starken Mann und der schwachen Frau, die seinen Schutz und seine Sorge braucht, lösen sich in Luft auf. Die Frauen gewinnen an Macht und Einfluss, die Männer müssen ihre Rollen neu definieren. Neue wirkmächtige Bilder fürs Geschlechterverhältnis werden gebraucht. Dieser Wandel verunsichert jeden einzelnen Mann bis in die letzte Faser seines Lebens. Die Politik behindert und bremst diesen Wandel, wo sie nur kann, die Frauen müssen sich jeden kleinen Sieg hart erkämpfen. Die Gewalt, die in diesem Kampf bei den Männern freigesetzt wird, hat deshalb breiten Raum, sich zu entladen.

Mit dem Amoklauf von Winnenden hat diese Feigheit der Männer ihre Macht abzugeben oder zu teilen, ihre Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen, direkt nichts tun. Alle Versuche, den Amoklauf eindimensional fürs jeweilige politische Geschäft zu instrumentalisieren, verhöhnen die Erschossenen, spielen mit dem Schmerz und dem Leid all derer, die mit dem Erlebten, für immer verletzt, weiterleben müssen.

Das Gute und das Böse und die absolute Freiheit jedes Einzelnen sich für das Eine oder das Andere zu entscheiden, sind die entscheidenden Grundkonstanten jeder menschlichen Existenz. In dieser freien Entscheidung jedes Einzelnen zum absoluten Bösen, liegt die Hoffnung darauf, dass das Gute am Ende immer wieder die Oberhand behält und gewinnt. Die Vorstellung, das Böse sei nur eine krankhafte Abweichung vom Pfad aller Tugenden ignoriert, dass im Menschen, in allen Menschen, in jedem Einzelnen von uns das Gute und das Böse als Option vorhanden und immer präsent sind. Das Drama menschlicher Zivilisation seit Anbeginn allen gesellschaftlichen Existierens besteht in dem immer verzweifelten Versuch, der selbstbetrügerischen Hoffnung auf Erlösung jedes Einzelnen auszubrechen aus dem Zwang sich entscheiden zu müssen, für das Gute oder das Böse. Dabei hat die grundsätzlich personale Ebene dieses Problems auch eine strukturelle, eine gesellschaftliche Seite. Religionen, aber auch politische Ideologien bieten den Menschen einfache Antworten, einfache Auswege aus ihrem Elend der absoluten Verantwortung für Gut und Böse in der Welt. Sie schaffen einen „Verblendungszusammenhang“, der entlastet, der zügellosen Mord und Totschlag legitimiert, dem Bösen alle Schleusen aufreißt, dem Bösen in jedem Einzelnen allen Raum gibt zu wüten.

Aber auch diese Verblendung wird wieder klar, wird zur unerträglichen Last, zerstört unwiederbringlich Leben für Täter und Opfer. Wer Freiheit will, der muss mit der allfälligen Möglichkeit des Bösen hier und jetzt und immer leben. Es gibt Erfahrungen, Wissen, Hinweise, Ordnung und Strukturen, die das Böse einhegen, am Ausbruch hindern können oder auch nicht. Wer der Vorstellung anhängt, das Böse könne auf immer getilgt werden aus unser aller Leben, der öffnet selbst die Schleusen für das Böse auf allen Ebenen. Was bleibt uns dann? Bei den Eltern sein, mit den Kindern und Schülern weinen. Mit den Menschen sein, mit allen ohne Unterschied in ihrem Leid und in ihrem Glück, an das Gute glauben und ihm Platz schaffen unter uns.

Die Kinder lieben, mit aller Kraft für sie da sein, sich die Hoffnung nicht rauben lassen, nicht in Zynismus verfallen oder sich zum Hass verführen lassen. Immer mit dem Schlimmsten rechnen und da, wo das Böse frech sich zeigt, sei es bei Einzelnen oder in „Verblendungszusammenhängen“ zurückschlagen, rechtzeitig! Aber das sagt sich leichter als es ist. Die Rede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Trauerfeier in Winnenden hat gut getan.