„Special Charte“ und nicht „Einkassiertes“
Archiv des Landkreises Rügen wurde offiziell seiner Bestimmung übergeben
Bergen auf Rügen (gü). Wenn ein Archivar „kassiert“, hat er die Qual die Wahl! Mit dem Wort „kassieren“ werden im archivardeutsch die Unterlagen bezeichnet, die aussortiert und für ein gut gepflegtes Archiv nicht in Frage kommen. Waltraud Scharf, langjährige Archivarin des Landkreises Rügen, und Landrätin Kerstin Kassner (DIE LINKE) konnten am Dienstag der letzten Woche die neuen Räumlichkeiten des Kreisarchivs einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Im Rahmen eines Tages der offenen Tür zeigten sie gemeinsam die einzelnen Abteilungen, in denen durchaus „Schätze“ lagern, wie Waltraud Scharf unterstrich.
Das Kreisarchiv ist nach vielen Jahren von der Industriestraße ins Erdgeschoss des Landratsamtes in der Billrothstraße umgezogen. Von dunklen und feuchten Räumen in umgebaute und funktionale Räume, wie es an diesem Tag seitens der Verwaltungschefin hieß. Hier befinden sich jetzt Bestände des Landkreises Rügen aus den Jahren 1952 bis 1955 und von 1956 bis 1990 (2,6 lfm.). Dazu kommen das alte Stadtarchiv der Stadt Bergen aus den Jahren 1613 bis 1949 (47 lfm.) sowie Unterlagen der Städte und Gemeinden von 1955 bis 2004 (153 lfm.). Hinzu kommen Dokumente der Amtsgemeinden und Amtsverwaltungen aus den Jahren 1995 bis 2004 (1,4 lfm.) sowie von Betrieben der Landwirtschaft aus den Jahren 1952 bis 1978 (ein lfm.) und die Bibliothek von 1850 bis 1990 mit Sammlungen, dort enthalten beispielsweise die Ausgaben der auf Rügen erscheinenden Tages- und Wochenzeitungen.
Landrätin Kassner erinnerte sich anlässlich der offiziellen Übergabe der neuen Räume an einen ihrer ersten Besuche nach Amtsantritt im alten Archiv. „Die Räume waren in einem schlechten Zustand, so dass ich mir vornahm, hier Abhilfe zu schaffen“, sagte sie gegenüber den neugierigen Einwohnern, die einen Blick ins neue Archiv werfen wollten. Mit Hilfe von finanziellen Mitteln aus dem Konjunkturpaket wurde im letzten Jahr eine energetische Sanierung im Landratsgebäude durchgeführt. Dabei konnten die bis dato leer stehenden Räume im Anbau für das neue Kreisarchiv umgebaut werden. Waltraud Scharf, seit 1987 als Archivarin tätig, führte die anwesenden Besucher und Einwohner durch die einzelnen Abteilungen und präsentierte eine Auswahl von bemerkenswerten Dokumenten. So beispielsweise Akten des ehemaligen Kreises Putbus aus den Jahren 1952 bis 1955, Chroniken, die nach der politischen Wende in der ehemaligen DDR angelegt worden sind aber auch das Ehrenbuch des alten DDR-Kreises Rügen mit zahlreichen Einträgen. Der Freiwilligen Feuerwehr Bergen auf Rügen konnte anlässlich ihres unlängst gefeierten 110-jährigen Jubiläums eine Kopie der Original-Eintragung jener Zeit überreicht werden, wie sich Kassner erinnerte.
Ein besonderes Schmuckstück hängt allerdings an der Wand. Es handelt sich dabei um eine „Special Charte“ aus dem Jahr 1829, die von Friedrich Hagenow für Seine Majestät den König, Friedrich Wilhelm III. angefertigt wurde. Dort sind nach „neuesten Messungen“ aller Flurkarten die geografischen Gegebenheiten der Insel Rügen in jenem Jahr dargestellt. Mit allen Städten und Rittergütern, die es zu dieser Zeit gab.
Das Kreisarchiv ist dienstags von 9 bis 12 Uhr sowie von 13 bis 18 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Interessenten können bei Waltraud Scharf auch einen individuellen Termin unter (03838) 813154 zur Einsichtnahme vereinbaren. Das Archiv ist zudem per E-Mail unter kreisarchiv@landkreis-ruegen.de erreichbar. Die im Kreisarchiv verwahrten Dokumente können von Jedermann, der ein berechtigtes Interesse nachweisen oder glaubhaft machen kann, benutzt werden, soweit dies im Rahmen der Gesetzmäßigkeiten möglich ist.
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