SOS aus dem Nationalpark Jasmund
Land unter im Jasmunder Wald und Abbrüche an der Jasmunder Steilküste
Von Andreas Pfaffe
Sassnitz. Ich war am Sonntag mehr als erschüttert, als ich das in Augenschein nehmen musste, was derzeit den Anspruch auf Eintragung in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes erhebt: Die Buchenwälder des Nationalparkes Jasmund. Nicht, dass ich keine Wälder mag - aber tränende Wälder mag ich echt nicht. Nicht nur ich habe den Hilferuf der Bäume erhört, sondern auch Matthias Ogilvie, Bürgermeister von Lohme und Mitglied des Nationalparkbeirates war sprachlos, das zu sehen, was zu sehen war: Unzählige Flächen des Nationalparkes, sowohl Straßen und Wege, Wiesen als auch Wald, teilweise mächtig in Breite und Länge, standen unter Wasser, weil dieses nicht abfließen kann. Denn die angelegten Entwässerungsgräben im Nationalpark fungieren zum großen Teil nur als stehendes Gewässer, weil sie verschmutzt, zugewachsen und nicht gepflegt sind. So entstehen immer neue kleine Seen, die auch die Bäume unter Wasser setzen, so dass man berechtigt annehmen kann, dass ihr leises Rauschen „SOS“ bedeutet.
Klar, dass es viel Wasser und schließlich auch schmelzenden Schnee in den vergangenen Monaten gab. Und auch jede Menge Hangrutsche und Steilküstenabbrüche - bis in die Hafenstadt Sassnitz hinein ... „Zur Zeit ist wieder vermehrt mit Uferabbrüchen an der Kreideküste zu rechnen. Hauptursache sind die hohen Niederschläge seit August. Mit 211 mm Niederschlag war August 2010 der regenreichste Monat seit Beginn der Wettermessungen 1993. Weitere Regenfälle sind seitdem hinzugekommen. Der Regen versickert im Boden, staut sich an undurchlässigen Schichten und sorgt schließlich für Instabilität. Die Moore sind voll, die Bäche führen sehr viel Wasser, und es fließen sogar Bäche, die es sonst jahrelang gar nicht gibt“ ist in den Pressemitteilungen unter www.nationalpark-jasmund.de zu lesen.
211 Millimeter Niederschlag in einem Monat sind bei einer Wald- und Wiesenfläche des Nationalparkes von 2.123 Hektar knapp 4,5 Millionen Kubikmeter Regenwasser, die allein in besagtem August 2010 festzustellen sind. Was passiert mit diesem Regenwasser? Die Fachleute schreiben: „Der Regen versickert im Boden, staut sich an undurchlässigen Schichten und sorgt schließlich für Instabilität.“ Dass das Wasser dabei seinen Weg bis an die Jasmunder Kreideküste findet, steht offensichtlich außer Zweifel, da die Hauptursache der Uferabbrüche durch den Nationalpark selbst Niederschlag begründet wird.
Der Regen versickert im Boden, staut sich an undurchlässigen Schichten und sorgt schließlich für Instabilität - heißt es aus dem Nationalparkamt. Lohme war ein trauriges Beispiel dafür. Entwässerungsgräben und Melioration aus der Vorwendezeit sollten das Kliff in solchen Situationen, da über Normal viel Wasser anfällt, schützen. Sie wurden nicht gepflegt und verloren ihre Funktion. Was sich unter anderem daraus entwickelt hat, das ist hinlänglich bekannt. Mit viel Geld wurde der Steilhang erst im letzten Jahr „entwässert“, um seine Stabilität wieder zu erlangen. Und wie sieht es in Sassnitz aus? Obwohl es keine absolute Sicherheit vor Hangabbrüchen gibt - Thomas Kaul ist sich sicher, dass eine großflächige und zielgerichtete Ableitung des Oberflächenwassers und ebenso des im Boden befindlichen Wassers direkt auf die Hangstabilität wirkt. Und dass hier Handlungsbedarf besteht zeigt sich nach seinem Kenntnisstand auch darin, dass die Hebeanlagen für die Grundwasserabsenkung an den Wohn- und Geschäftshäusern der Stadt auf Dauerlast laufen.
Sei es wie es sei. Fakt ist, dass kaum eine Woche ohne Hang- oder Küstenabbruch derzeit verstreicht. Sichtbare Maßnahmen, die Gefahr zu dämmen, sind bisher nicht erkennbar. Vielmehr bemüht sich die Stadt Sassnitz derzeit eine eine Windpromenade am Steinstrand zu installieren. „Diese Steine hätten sie lieber zur Befestigung des gefährdeten Abschnittes unterhalb der Großen Kummstraße einsetzen sollen, um den seit vier Jahren immer wieder rutschenden Hang zu stabilisieren“, so Richard Daase beim Vorort-Termin mit Tränen in den Augen. Seit 50 Jahren hegt und pflegt er hier seinen Garten und vor 33 Jahren hat er hier sein Häuschen gebaut. Wie es weiter gehen soll, das weiß er nicht. Nur eines hat er bisher erfahren: „Keiner hilft mir. Ich stehe mit meinen Problemen ganz alleine da. Was soll und kann ich denn tun?“ Gefährlich sieht es auch im Küstenabschnitt nördlich von Sassnitz aus. Dort, wo ein Schild an der Treppe den Wanderern das Weitergehen nur auf eigene Gefahr erlaubt, befindet sich im Steilhang eine etwa 70 Meter lange und etwa 15 Meter breite Stufe im Hang, die sich schon über zwei Meter von der ursprünglichen Höhe gesenkt hat. Die ist u.a. auch in der Abhandlung „Extraktion geologisch relevanter Strukturen auf Rügen in LaserscannerDaten“ aus 2010 von J. Niemeyer, F. Rottensteiner u.a. beschrieben und über Google jedem Interessenten zugänglich. Und die Autoren bestätigen in ihrer Abhandlung, dass es sich hier um ein potenzielles Rutschgebiet handelt.
Dieser Küstenabschnitt gehört demzufolge für den Besucherverkehr gesperrt, um Gefahr für Leib und Leben abzuwenden - und die Stubnitz melioriert, um Sassnitz zu schützen. Aber ob das in die Bewerbung zur Anerkennung des Buchenwaldes als UNESCO-Weltkulturerbe passt ...
« Nächster Artikel
Haushalt beschlossen
Vorheriger Artikel »
Das Handwerk hat die Gebietsreform bereits vollzogen
