Schwestern auf Zeit - Freunde fürs Leben
Chiara Toniolo aus Brasilien war Schüleraustausch - Gastschwester bei Toni Julia Fleischer auf Rügen

Chiara und Toni Julia waren Geschwister auf Zeit und sind zu Freunden fürs Leben geworden. Foto: Pfaffe
Rügen (apf). Pouso Alegre ist eine Stadt in Brasilien, im Süden des Bundesstaates Minas Gerais, mit etwa 120.000 Einwohnern. Immerhin 10.231 Kilometer liegen zwischen der Heimatstadt der 15-jährigen Chiara Toniolo und der Insel Rügen, wo sie bis zumMontag dieser Woche im Rahmen eines Schüleraustausches des „Experiment e.V.“ Gasteltern und mit Toni Julia Fleischer eine Schwester auf Zeit gefunden hat.
„Experiment in International Living“ ist die wohl älteste Austauschorganisation. Sie folgt dem Motto: „Aus Fremden können Freunde werden“. Mit kleineren Gruppen Gleichgesinnter begann der Amerikaner Donald B. Watt 1932, Studienreisen nach Frankreich und Deutschland zu organisieren, in deren Mittelpunkt privat arrangierte Familienaufenthalte standen. Seit 1952 ist Experiment e.V. in Deutschland mit Sitz in Bonn als gemeinnütziger Verein eingetragen (www.experiment-ev.de).
Und das ist gut so. Schließlich ist dies die Voraussetzung dafür, dass Chiara Toniolo den weiten Weg durch die Welt auf die Insel Rügen fand, wo sie seit dem 27. Februar diesen Jahres, nach einem vorherigen Aufenthalt in Rheinland-Pfalz, bei Katrin Fleischer und Torsten Linser sowie Tochter Toni Julia (13) ein neues Zuhause auf Zeit fand.
Toni Julia besucht die 7. Klasse der Stralsunder Jona Schule (www.jona-schule.de). Die Jona Schule erschließt jungen Menschen christliche und humanistische Werte und unterstützt sie bei der Suche und Entwicklung einer eigenen Orientierung, die durch das christliche Menschenbild geprägt ist. Hier hat auch Chiara seit dem 28. Februar gelernt, die zu Hause die 11. Klasse einer privaten Highschool besucht und in der Jona Schule im Team der 9. Klasse viele neue Freunde fand. Für die Jona Schule war Chiara die erste Austauschschülerin. „Durch ihre offene Art und ihre selbstgesteuerte Integration hat sie die Schule aufgeschlossen für weitere Austausche“, sieht Katrin Fleischer auch einen praktischen Nutzen für die Bildungseinrichtung, an der mittlerweile zwei weitere Austauschschüler begrüßt wurden.
Für die „superintelligente und freundliche Prinzessin Chiara“, wie sie Gastvater Torsten nennt, war der Schüleraustausch ein lange gehegter Wunsch. „Meine ganze Familie hat an Austauschen teilgenommen und meine Tante arbeitet für die Austauschorganisation“, erklärt Chiara in perfektem Deutsch. Im Alter von 10 Jahren wollte sie schon Deutsch lernen, „weil ich diese Sprache schön finde“. Neben ihrer Muttersprache Portugiesich spricht sie Englisch, Italienisch und nun auch Deutsch. Und sie will auch Schwedisch, Niederländisch und Russisch lernen, „um mich in der Landessprache mit Freunden aus aller Welt verständigen zu können“, nennt sie das Motiv, zudem auch die berufliche Zukunft zählt.
„Vielleicht studiere ich einmal Jura oder etwas mit Sprachen“, schaut die selbstbewusste 15-jährige Chiara in die Zukunft. In Deutschland und auf Rügen ist sie gut klar gekommen, sagt sie, obwohl die Menschen hier etwas anders sind als zu Hause - sehr nett, aber etwas verschlossen. Wenn man sich aber erst einmal kennen gelernt hat, dann ist alles ok.
„Auch die Schule ist etwas anders als zu Hause. In Brasilien haben die Jüngeren am Nachmittag und die Älteren am Vormittag Unterricht und zu den Lehrern besteht irgendwie ein größerer persönlicher Kontakt. Und das Wetter ist ebenso anders als in Brasilien, wo es zumeist schon wärmer ist.“ Viele Eindrücke von Land und Leuten wird Chiara mit nach Hause nehmen. Aber lieber würde sie ihre Familie, ihre Freunde und das Haus hier her holen, sagt sie voller Überzeugung. „Mir gefällt es in Deutschland sehr gut und ich hoffe, einmal wieder hier her zu kommen.“
Erst einmal kamen ihre Eltern, beide Ärzte in Pouso Alegre, in der vergangenen Woche nach Rügen, um die Zeit des Skypens zu beenden und die Tochter wieder abzuholen. Am Montag dieser Woche haben sie gemeinsam die Fähre nach Schweden bestiegen, um sich auf eine Reise durch Nordeuropa zu begeben, die schließlich im Moskauer Bolschoi-Theater ihren Abschluss finden wird, bevor es dann wieder in die Heimat nach Brasilien geht.
Für beide „Schwestern auf Zeit“, beides Einzelkinder, war die gemeinsame Zeit auch eine besondere Erfahrung im Zusammenleben. Und auch für Katrin Fleischer und Torsten Linser, die mit „ihren“ zwei Kindern eine ganze Menge unternommen haben, war die Gastgeberrolle ein erstmaliges Experiment, das einhundertprozentig gelungen ist. Dass beide Familien auch weiter in Kontakt bleiben werden, daran ließen alle angesicht des Abschiedes, der doch irgendwie ein wenig traurig war, keine Zweifel. Aber in Multimedia-Zeiten dürfte dies ja auch kein Problem sein.
So gesehen hat sich das Motto der Austauschorganisation ein weiteres Mal voll bestätigt: „Aus Fremden sind Freunde geworden“.
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