Springe zu: Navigation | Inhalt | Aktuelle Themen
Dieser Artikel wurde am 19. September 2007 um 05:11 Uhr in der Rubrik Titelthema veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Rügen: Vieles ist   nicht “nur” Geschichte!

Stolpersteine in Bergen und Sassnitz verlegt

Bild

Von Wolfgang Urban

Bergen/Sassnitz. GEDEHMÜTIGT / ENTRECHTET und FLUCHT IN DEN TOD steht auf dem Stolperstein, der seit Samstag an Albert Noack vor dessem einstigem Wohnsitz erinnert. Was zum Tod am 2. Mai 1933 führte, soll in mahnender Erinnerung bleiben. Daher können Sie auf Seite 3 lesen, was Manja Richert bei der Verlegung der Stolpersteine für Albert und Ida Noack verlas. Vorgestellt werden dann auf Seite 7 die 13 Frauen und Männer, für die am 17. September in Sassnitz Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen wurden. Einer von ihnen erinnert an Charlotte Schimmelpfennig, die wegen ihrer Hilfe für Verfolgte deportiert wurde (Foto oben). Gleich daneben befindet sich der Stolperstein für den ermordeten Lazar Lemo. Bedenkt man auch die drei bereits 2005 in Garz verlegten Steine, dann gibt es jetzt schon 18 Stolpersteine für Einzelpersonen auf Rügen, die von einer äußerst problematischen nationalsozialistischen Vergangenheit künden. Dass deren Aufarbeitung gerade jetzt zu Stolperstein-Ergebnissen führt, ist angesichts der Rechtsextremismus-Probleme in Deutschland um so bemerkenswerter. Infos zu modernen Nazis und entsprechender Diskussionsstoff erwarten Sie bei einer Lesung und Diskussion am Donnerstag um 19 Uhr in Bergen.

Stolpersteine: Albert & Ida Noack

Zur Vorgeschichte der Verlegung der Stolpersteine für Albert und Ida Noack in Bergen am 15. September 2007 sagte Susanna Misgajski: 14 Schülerinnen des Projektkurses des Arndt-Gymnasiums in Bergen haben sich in eineinhalb Schuljahren mit der Geschichte ihres Schulortes Bergen in der Zeit des Nationalsozialismus befasst. In Zusammenarbeit mit dem Prora-Zentrum e.V. führte dies zum Stadtführer Bergen im Nationalsozialismus und zur Verlegung der Stolpersteine. Susanna Misgajski hatte diese Projektarbeit zusammen mit Jana Romanski geleitet. Zur Verlegung der Stolpersteine sagte sie: Ich freue mich über die mehr als 50 Teilnehmer aus allen Generationen, darunter u.a. ein Vertreter des Sozialministeriums und die Landrätin.

Bei der Verlegung der Steine sagte die ehemalige Gymnasiastin Manja Richert u.a.: Albert Noack, auch Ali genannt, war ein alteingesessener Kaufmann in Bergen. Sein Vater, Naumann Süskind Noack, wurde im Jahr 1852 als jüdischer Kaufmann in das Bürgerbuch der Stadt Bergen eingetragen. Er war 1852 der erste jüdische Einwohner, der das Bürgerrecht der Stadt Bergen erhielt... Albert Noack, der das Geschäft seines Vaters übernommen hatte, verkaufte in seinem Geschäft hier am Markt 19: Herren-, Damen- und Kinder-Konfektion, Manufaktur- und Modewaren, Wäsche, Trikotagen, Stoffe und vieles mehr. Er war Mitglied der angesehenen Kaufmannskompanie und Mitglied des Schützenvereins. Zudem war Albert Noack ein sozial engagierter Mensch, so konnten sich zum Beispiel Familien, die nicht so viel Geld hatten, bei ihm die Konfirmationskleidung für ihre Kinder ausleihen. Manja Richert schilderte dann die zunehmende Isolierung von Albert Noack nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Dies mündete noch 1933 in die folgende Episode, der der Tod folgte: Am Abend des 1. Mai trafen sich, wie immer, die Kaufleute von Bergen im Ratskeller... Nach Zeitzeugenberichten kam auch Albert Noack zu dem Stammtisch an diesem Abend. Nach und nach ging einer nach dem anderen von den Kaufleuten weg. Der eine hatte Bauchschmerzen, der andere musste nach Hause.

Zum Schluss saß Albert Noack nur noch mit einem Kaufmann am Stammtisch, bis dieser auch angeblich nach Hause musste. Als der Kaufmann Noack den Ratskeller verließ, sah er in den benachbarten Stuben der Gastwirtschaft alle Kaufleute sitzen, die angeblich fort mussten. Dies hatte Albert Noack zutiefts gekränkt. Er erzählte sein Erlebnis auch noch seiner Haushälterin... Anschließend, in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1933, hat sich Albert Noack mit 67 Jahren an einem Fensterkreuz im ersten oder zweiten Stock seines Hauses aufgehängt... Seine Schwester Ida Noack blieb in dem Haus am Markt 19... bis 1937 wohnen. Dann starb sie im Alter von 76 Jahren... Abschließend sagte Manja Richert: Wir waren bei unseren Recherchen über das Schicksal von Albert und Ida Noack sehr erschüttert und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des ehemaligen Projektkurses Bergen im Nationalsozialismus freuen sich sehr, dass heute die Stolpersteine für diese beiden Einwohner der Stadt Bergen, denen großes Unrecht geschehen ist, gesetzt werden.

14 Stolpersteine am 17. September 2007 in Sassnitz verlegt

Im Teil 120 von Rügen im Wandel der Zeiten wurde im RÜGANER ANZEIGER der vergangenen Woche über das Geschichts- und Kunstprojekt Stolpersteine berichtet und der Tag der Stolpersteine in Sassnitz angekündigt. Rund 80 Menschen hatten sich versammelt, als der Sassnitzer Bürgermeister Dieter Holtz diesen Tag am 17. September um 12 Uhr in der Nähe der Villa Aegir (Mittelstraße 2) eröffnete. Davon sehen Sie auf der Titelseite ein Foto. Abgebildet ist dort auch der erste verlegte Stolperstein an diesem Tag. Während ihn der Künstler Demnig in den Bürgersteig einarbeitete, hielten Schülerinnen des Ostseegymnasiums einen Vortrag über das, woran erinnert werden soll. Es folgte die Einweihung des Steins. So war auch an den anderen Orten der Verlegung der Steine der Ablauf. Nur die Personen wechselten und das nicht nur auf der Seite derer, für die die Stolpersteine verlegt wurden, sondern auch bei jenen, die über sie sprachen. Mal kamen sie von der Stolperstein-Projektgruppe der Allgemeinen Förderschule Sassnitz bzw. von einer Projektgruppe der Regionalen Schule Sassnitz und ein anderes Mal vom Ostseegymnasium. Auch Angehörige der Opfer von nationalsozialistischer Herrschaft ergriffen das Wort.

Anschließend ging es in das Rathaus der Stadt Sassnitz, wo eine Ausstellung aufgebaut war. Auf Schautafeln konnte man sich über Lebensdaten, Zeitzeugnisse und Zeitzeugen-Berichte informieren. So wurde noch einmal Wissen vertieft bzw. es gelangte erneut in die Erinnerung, was die Schülerinnen bzw. Schüler unterwegs vorgetragen hatten. Darauf basieren auch die nachfolgenden Informationen zu den Personen, für die die Stolpersteine in der Hafenstadt Sassnitz gesetzt wurden. CharlotteSchimmelpfennig wurde 1897 geboren. Ihr Vater Wilhelm Heidemann war zeitweise Bürgermeister von Sassnitz. Er erbaute 1895 die Villa Heydemann (später Villa Aegir), deren Besitzerin Charlotte Schimmelpfennig wurde. Sie versteckte in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen und verhalf ihnen zur Flucht. Das blieb den Herrschenden nicht verborgen. Zusammen mit Lazar Lemo, einem Freund, wurde sie im November 1938 durch Sassnitz getrieben, bespuckt und beschimpft. Sie überlebte Verhaftung und Deportation. Lazar Lemo nicht. Stolpersteine vor der Villa Aegir erinnern jetzt an Charlotte Schimmelpfennig und Lazar Lemo. Nach der Verlegung der Stolpersteine für sie ging es am Montag in die Hermann-Bebert-Straße, Treffpunkt Hauptstraße 25a. Auf dem Stolperstein für Hermann Bebert steht: Politisch verfolgt, verhaftet und ermordet 3.5.1945. Er stammte aus Hamburg, war Mitglied der Sozialdemokratie, wurde mehrfach verhaftet und mißhandelt und zog 1941 nach Sassnitz. Kurz vor Kriegsschluss wurde er am 3. Mai 1945 verhaftet und erschossen.

Gleich neun Stolpersteine wurden Weddingstraße 7 / Ecke Karl-Liebknecht-Ring verlegt. Auf einem von ihnen steht jedoch kein Name, sondern erklärend u.a. AUSSENLAGER des KZ Ravensbrück bis 3.5.1945, und dass die Inhaftierten zu Zwangsarbeit verurteilt waren. Auf den anderen acht Steinen sind die Betroffenen genannt, wobei jedes Mal der Zusatz Zeuge Jehovas zu lesen ist, die Jahreszahl der Verhaftung genannt wird und dann das Wort überlebt folgt. Namentlich genannt sind: Kurt Richter, Gustav Först, Reinhold Wil-czek, Gijsbertus Johannes van den Eijkhoff, Richard Hensel, Oswin Hilbert, Paul Müller und Victor Emanuel.

Von der Stolpersteinverlegung Bergstraße 22 Höhe Sassnitzer Hof für Emilie Frey sehen Sie unten ein Foto. Sie wurde in Lidice geboren und gehört zu den Kindern, die nach der Zerstörung des Dorfes aufgrund ihres Aussehens für eindeutschungsfähig gehalten wurden. Diese Kinder wurden kinderlosen deutschen NS-Familien als Pflegekinder übergeben. Damit entgingen sie der Ermordung in Lidice. Emilie Frey kam in die Familie des Polizeiwachtmeisters Kuckuck in Sassnitz. Sie besuchte hier die Schule und freundete sich mit Mitschülerinnen an. Tschechische Offiziere brachten sie im Sommer 1945 nach Kladno, einem Nachbarort von Lidice. In einer Arbeit der Projektgruppe Stolpersteine der Förderschule Sassnitz ist dazu u.a. zu lesen: Emilie wollte nicht mit den Offizieren mitgehen, sie wollte nicht aus Sassnitz fort. Es ging ihr bei der Frau Kuckuck wohl ganz gut. Sie war wohl noch zu jung, um alles zu verstehen. Erst nach einem Besuch 1968 in Sassnitz erfuhr sie, dass Otto Kuckuck Hermann Bebert ermordet hatte... Emilie Frey heiratete den Hüttenwerker Josef Chvalov... Gemeinsam haben sie zwei Söhne. An der Bergstraße 6 Höhe Frisör wurde am Montag der vorerst letzte Stolperstein in Sassnitz gesetzt. Er soll an Anna-Marie Wittschekowski erinnern. Sie wurde denunziert, verhaftet und ermordet, nachdem sie im September 1944 im Luftschutzbunker sagte: Der Hitler ist schuld, dass so viele Menschen sterben. Besser es gäbe ihn nicht.

« Nächster Artikel
Finale bringt Tränen

Vorheriger Artikel »
Erstes Begrüßungsgeld übergeben