Rezension zum Buch „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“
Von Dr. Udo Knapp (SPD)
Bergen auf Rügen (DR). Wir setzen an dieser Stelle die Reihe der Rezensionen mit Büchern im Zusammenhang mit der Wende in der ehemaligen DDR fort. Gastkolumnist Dr. Udo Knapp (SPD) hat in der heutigen Ausgabe das Buch von Kurt Drawert „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ rezensiert. Die Redaktion wünscht unseren Leserinnen und Lesern spannende Unterhaltung:
„Ich wachte auf und war tot. Es war ein sonderbares Gefühl. Es war das Gefühl keine Gefühle zu haben, das gibt es. Ich habe es erlebt. Aber auch um mich herum war alles und jeder auf seine Weise tot, individuell tot, persönlich tot, nicht tot im Kollektiv.“
Kurt Drawert verhandelt, seziert und beschreibt in kreisenden, lyrisierenden Monologen und Notaten in seinem DDR- Roman die „Verbrechen am Seelenleben des Menschen“ in der sozialistischen Diktatur. Die Willkür des Systems und ihrer Vollstrecker, die mit Namen und Adresse im ganzen Roman nicht vorkommen, werden in ihrer jeden Winkel und Atemzug des Lebens bedrohlich ausfüllenden Kraft und Gewalt für den Leser erlebbar. Drawert vollzieht akribisch nach, wie sich die Persönlichkeit jedes Einzelnen in der Diktatur aufspaltet in zwei Persönlichkeiten. Die eine glaubt lange, sie könne sie selbst bleiben, sich behaupten in einer feindlichen Welt. Die andere aber bestreitet und bewältigt den absurden und surrealen Alltag und geht in ihm unter.
Beide Teile der einen Persönlichkeit begegnen sich immerzu, sie kommunizieren, ja sie grüßen sich sogar. Aber sehr schnell stirbt der Teil ab, der als Mensch bei sich bleiben wollte. Übrig bleibt sein seelenloser Schatten. Dieser Schatten ist nichts mehr als Hülle aus Fleisch und Blut. Diese Aufspaltung des Einzelnen in der Diktatur, die Zerstörung seines Seelenkerns ist unumkehrbar, sie ist unheilbar. Sie macht den Menschen, der ihr unterzogen wird, obdachlos in der Welt auf immer. Das ist Drawerts Botschaft.
Dieser Einzelne, ohne Namen, kennzeichnet sich selbst als „ostdeutschen Erdling“. Er wird am Anfang des Romans, ohne begreifen zu können warum, in die tiefste der neun Höhlen unter der Erde verbracht. „Die Gründe dafür, dass einer in diese tiefste aller Tiefen strafversetzt wurde, sind keinem von uns bekannt gewesen. Vermutungen machten die Runde, vage Spekulationen, aber man wusste es nicht. Nicht auszuschließen war, dass es gar keine Gründe gab, keine jedenfalls, die uns verständlich gewesen wären. Hier war es die Wortkargheit, ein strenger Körpergeruch, es gab schnell einen Fehler, der zum Verhängnis wurde. (...) Man zweifelte ansich und zweifelte an sich, analysierte den Achselschweiß, prüfte, ob die Schuppenflechte vielleicht zu trocken geworden war und zu stäuben begann, und am Ende war es gar kein menschliches Problem, sondern ein technisches Problem . Dann gab es eine Verfügung und schon landete er ganz unten bei uns, ganz unten, ganz unten, um es genauer zu sagen, und unter uns nur noch Schotter und Schlamm.“
Hier unten in der tiefsten der neun Höhlen angekommen, beginnt der Ausgestoßene, der nur noch als Körper funktioniert, ohne jeden festen Grund für seine Seele, ohne jede Hoffnung, ohne Ausweg sich durch die neun Höhlen, die „Schuldbezirke“ der „Deutschen Demokratischen Republik“ wieder nach oben arbeiten.
Die ganze Welt der DDR, das sind diese Höhlen. Sie sind gegen die Wirklichkeit abgeschirmt, aber mit leerem Leben bis unter die Decken angefüllt. Der „ostdeutsche Erdling“ notiert in Merkheften seine Odyssee durch die DDR- Höhlenwelten. Als Zwangsarbeiter, Häftling, Fabrikarbeiter, Titelaufschreiber, Magazinwächter und Nachtwächter durchwandert er eine Höhle nach der anderen. Bis er schließlich oben angekommen an die Grenze des feindlichen, westlichen Auslands kommt Er schaut sich um. Jetzt muss er feststellen, dass von der Höhlenrepublik nur Betonreste und sinnlos gewordene Wachtürme übriggeblieben sind. Aber auch jetzt und hier in der neuen Welt jenseits der Trümmerreste der untergegangenen DDR findet der „ostdeutsche Erdling“ nicht heraus aus seiner Erstarrung. Er bleibt, wozu er in der DDR gemacht worden ist, obdachlos. „Aber vielleicht war ja gerade das unsere Freiheit, frei von Freiheit zu sein und bequem in der Erstarrung zu leben.“ Drawerts Roman ist schwer lesbar. Handlungsstränge, lineare Geschichten und Handlungen gibt es nicht. Stattdessen assoziativ und additiv, aneinander gereihte, mäandernde, surreal verfremdete Beschreibungen von Augenblicken des Diktaturalltags und ihre Wirkung auf den Einzelnen. Dazu seitenlang kreiselnde Monologe, in denen sich bruchstückhafte philosophische, psychische und historische Reflektionen verschränken und sich jeder linearen Nachvollziehbarkeit verweigern.
Diese Methode lässt den Leser physisch die Allmacht, Willkür und die Gewalt in den Höhlen der Diktatur spüren. Die Ausweglosigkeit und die unheilbare Verletzung der Seelen der Gequälten auf jeder Seite vor Augen, wird der Roman zu einem großen Gesang über die Verbrechen jeder Diktatur. D rawert lässt keinen Zwischenraum für eine andere Erzählung der DDR-Geschichte jenseits ihrer Verbrechen an den Seelen ihrer Menschen. Beschönigungen, Rechtfertigungen, was auch immer, hat vor den Tatsachen aus Drawerts Höhlenwelten der DDR- Diktatur keine Chance. Drawert vertritt, ohne es explizit auszusprechen, die These, dass ein sich selbst Befreien der Menschen aus den Höhlenwelten, aus den Prägungen und Verletzungen einer Diktatur, nicht möglich ist. Damit gibt er mehrere Generationen für jeden freiheitlichen Neuanfang verloren. Für die Auseinandersetzung mit der DDR ist Drawerts Roman sicher von Belang, aber für den Lesealltag ist er einfach viel zu kompliziert und zu artifiziell.
Kurt Drawert, „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ C.H. Beck Verlag, München 2008, 317 Seiten, 19.90 Euro
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