Olympia-Boykott? Stärke des Westens!
Die RÜGANER ANZEIGER-Kolumne von Dr. Udo Knapp (SPD)
Ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking in diesem Sommer - das wäre eine Demonstration der Selbstachtung aller westlichen Demokratien und des Respekts vor den Freiheitskämpfern in Tibet. Aber keine Sorge, der Kommerzkult der Sportfunktionäre, die Medienmacht und die Selbstdarstellungssucht vieler Politiker werden das gemeinsam verhindern. Schaden kann der Versuch dennoch nicht, die Argumente für einen Boykott noch einmal abzuwägen.
1.Die Olympischen Spiele haben mit ihrer ursprünglichen Idee, ein Fest der Freude und des spielerischen, friedlichen Kräftemessens der besten Athleten der Welt zu sein, nichts mehr zu tun. Olympia heute - das meint Kommerz, Kitsch und Propaganda. Das Internationale Olympische Komitee ist hauptsächlich damit beschäftigt, möglichst viele Millionen an der systematischen Vermarktung der Spiele hereinzuholen. Die Frage der Platzierung der Werbung für Waschmaschinen, Kaugummi und Autos, die Vergabe und Kontrolle von Bauaufträgen für Stadien und die gesamte Infrastruktur der Spiele hat zentrale Bedeutung. Die Eröffnungsveranstaltungen sind nicht mehr als ein lächerlicher, kitschiger Abklatsch der wohl bekannten Propagandashows der Sportspartakiaden in den untergegangen kommunistischen Diktaturen. Einziger Unterschied: Heute verdienen die Medienmonopole daran Millionen.
2.Sport als Spiel und Spaß, als ehrlicher Wettbewerb und Freude am Erfolg, ohne Druck und Erfolgszwang, das ist längst dahin. Spitzensport, olympischer Sport kann heute durchaus als ein trauriges Komplott überanstrengter, gequälter und sich quälender, auch noch dopender Berufssportler und ihrer Trainer, Ärzte, Pharmazeuten und Sportfunktionäre beschrieben werden. Sport - Turnen, Rennen, Spielen, sich Bewegen und Bewegtwerden, so wie es jeder kann. Sport als Ausgleich körperlicher Überanstrengungen, Sport als Vergnügen, als Gesundheitshilfe, als Ort guter Gemeinschaft und lokaler Selbstorganisation und Sport natürlich auch als Beweis eigener, körperlicher Fähigkeiten, das Feiern der schönen kleinen Siege ohne Fehl und Tadel und falschen Erwartungen - das alles ist längst dahin. Heute zählen auch schon bei den Kleinsten nur noch der Sieg und der Erfolg, der Türen zum großen Geld, zu großen Karrieren und auf alle Monitore öffnen kann. Für dieses Ziel ist jedes Mittel recht, von der Kinderquälerei bis zur Spritze und neuerdings sogar die Genmanipulation für den Muskelaufbau. Sport heute macht Angst, Angst vorm Stress und vor der Quälerei, Angst vorm Scheitern und dem dümmlichen Gehabe der Trainer. Olympia ist zum Inbegriff dieses pervertierten Systems von Sport geworden.
3.Olympia als Ort friedlicher Demonstration der Jugend der Welt für eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Freiheit, das war wohl schon immer eine überzogene Erwartung. Heute aber wird Olympia ohne alle Verstellungen den jeweiligen Machthabern in Ost und West, in Demokratien und Diktaturen zu ihrer Selbstdarstellung ohne jede Scham und ohne jede Selbstachtung ausgeliefert. China ist ohne jeden Zweifel eine kommunistische Diktatur. In Peking wird versucht zu beweisen, dass wirtschaftliche Entwicklung, kapitalistisches Wirtschaften in weltweitem Horizont nicht Demokratie und Freiheit, sondern systematische Unterdrückung, Verfolgung, Korruption, soziale Ungerechtigkeit, Zensur, Umerziehungslager, Todesstrafe, militärische Gewalt und die Herrschaft einer kommunistischen Einheitspartei brauchen, um Erfolg zu haben. Der Westen unterstützt diesen Kurs durch einen Wettstreit um die lukrativsten Aufträge mit und in China und die Öffnung seiner Märkte für chinesische Produkte jeder Art.
Geld stinkt nicht, Geld hat keinen Charakter, Geld muss sich vermehren, wenn ihm keine politischen Zügel angelegt werden. Natürlich muss jede demokratische Regierung auch mit Diktatoren reden, verhandeln und versuchen sie mit Geschäften zu verändern. Eine solche Realpolitik hat zum Ende der Diktaturen in den Ostblockländern sicher beigetragen. Eine solche Politik ist zunächst allemal besser als offener Krieg und Konfrontation, deren Folgen unübersehbar sind. Aber für so eine Politik gibt es Grenzen, die von den Menschenrechten, der Moral und dem Anstand nicht immer eindeutig, aber deutlich gezogen werden.
Gar keinen nachvollziehbaren Grund jedoch gibt es den chinesischen Machthabern die Gelegenheit zu bieten, sich selbst vor der Welt als Gleicher unter Gleichen zu präsentieren, während im selben Augenblick mit Terror und Gewalt der berechtigte Freiheitskampf des tibetischen Volkes niedergeschlagen wird. Tibet gehört nicht zu China. Tibet wurde von den Chinesen widerrechtlich annektiert. Das tibetische Volk wird systematisch unterdrückt, in Tibet werden Chinesen zwangsangesiedelt, die uralten tibetischen Kulturdenkmäler werden zerstört und die freie Ausübung der Religion wird behindert. Sicher kann die offizielle Politik nicht einfach die Tibeter unterstützen, auch hier gibt es realpolitische Tatsachen zu bedenken. Aber gar keinen Grund gibt es in Peking ein von Truppen bewachtes Olympia abzuhalten, während auf dem Dach der Welt in Lhasa Demonstranten, die für ihre Freiheit kämpfen, zusammengeschossen werden.
Ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking kostet nichts. Keine Wirtschaftsverträge, kein Geschäft von strategischer Bedeutung für den Westen wird deshalb unterbleiben. Auch die offiziellen Gesprächsfäden zur Pekinger Führung werden deshalb nicht abreißen. Dazu sind Diktatoren viel zu machtbewusst. Ein Boykott der Spiele durch alle freiheitlichen Demokratien des Westens - das wäre die selbstbewusste Demonstration der freien Welt, dass Demokratie, Menschenrechte und individuelle Freiheit ohne Einschränkungen die richtige Perspektive für alle Menschen überall auf der Erde sind. Eine solche politische Demonstration gäbe sogar dem guten alten Olympia ein ganz klein wenig von seiner im Kommerzrausch verloren gegangenen Würde zurück.
Hintergrund: Aufgrund der aktuellen Lage in Tibet diskutieren die Führer der freien Welt über einen Boykott der Olympischen Spiele 2008 in Peking (China). Bereits zu Zeiten des so genannten Kalten Krieges gab es Boykotte der damaligen Blöcke in Ost und West. In den Jahren 1980 und 1984 boykottierten sich die sozialistischen und kapitalistischen Staaten gegenseitig. Die Sportler der Systeme nahmen nicht an den jeweiligen Spielen in der ehemaligen UdSSR und in den USA teil. Heute wird vor dem Hintergrund des blutigen Vorgehens der chinesischen Führung in Tibet wieder darüber diskutiert, ob ein Boykott konsequent wäre oder nicht. Das deutsche Olympische Komitee lehnt einen Boykott ab. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werden nicht an der Eröffnung teilnehmen. Dies stand offenbar von vornherein fest.
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