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Dieser Artikel wurde am 26. September 2007 um 04:29 Uhr in der Rubrik Kommentare und Anmerkungen veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Moderne Nazis

Umgang mit einem angekündigten Feldzug

Von Karin Breitenfeldt

Bergen auf Rügen. Sie sind da, wo andere ihnen Raum lassen. Sie beraten Hartz-IV-Opfer, unterwandern die Vereine, organisieren Kinderfeste und bieten die platten einfachen Lösungen für die, die mit der Zeit und den Umständen nicht mithalten können. Sie haben die dumpfe Nestwärme für die, denen niemand zuhört. Sie wollen in die Parlamente wenn auch nur, um sie als Bühne und Geldmaschine zu missbrauchen. Sie wollen Bürgermeisterposten bei den nächsten Kommunalwahlen besetzen. In den Parlamenten mag die NPD isoliert sein, in der Gesellschaft ist sie es nicht, so der Journalist Toralf Staud als er in Bergen aus seinem Buch Moderne Nazis las.

Eingeladen hatten ihn dazu das Rügener Friedensbündnis und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein Jahr nach dem Einzug der NPD ins Schweriner Schloss zeichnet er nach, mit welcher Zielstrebigkeit Diäten und Aufwandsentschädigungen eingesetzt werden, um Strukturen des Staates und der Gesellschaft schleichend zu unterwandern, völkisches Gedankengut zu verbreiten und die ostdeutsche Provinz zu faschisieren. Man investiert in Druckgeräte und Immobilien und nimmt die Schulen mit einer eigenen Musikszene auf`s Korn bei erstaunlich geringer Gegenwehr. Die starke Jugendbindung zählt Staud zur Erfolgsgeschichte der modernen Nazis. Das Durchschnittsalter der Partei läge bei 37 Jahren. Ein Vergleich mit den etablierten demokratischen Parteien fällt nicht schmeichelhaft aus. Dennoch erwartet Staud, dass gerade sie schneller, besser und verständlicher dort sind, wo die Alltagsprobleme der Menschen sind.

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Toralf Staud las aus seinem Buch "Moderne Nazis". Foto: (KB)

Abwanderung der Intelligenz, das Ausbleiben der versprochenen blühenden Landschaften und eine mangelnde Selbstverständigung über demokratische Werte sind für ihn Ursachen dafür, dass sich Ostdeutsche nur als Zuschauer der Gesellschaft verstehen und bürgerliche Gegenwehr zu Etablierungsversuchen der Nazis im Vergleich zu den alten Bundesländern wenig ausgeprägt sind. Nun mögen Erklärungsversuche wichtig sein, dringlicher ist es, endlich eine Strategie zu entwickeln, um auf Rügen einer Verfestigung neonazistischer Strukturen wirksam etwas entgegen zu setzen. Ein Verbot der NPD wurde im Bergener kkh erwartungsgemäß kontrovers diskutiert.

Für mich ist es längst überfällig, aber eher unwahrscheinlich. Es ist kaum zu erwarten, dass sich die staatliche Macht erneut einem selbstverschuldeten Scheitern eines Verbots-antrages aussetzen wird. Ersparen würde uns ohnehin ein Verbot die Auseinandersetzung mit den Ideen der neuen und alten Nazis nicht. Ich empfand den Diskussionsbeitrag einer Sassnitzer Unternehmerin als einen der wenigen Lichtblicke in einer insgesamt immer noch eher ratlos wir-kenden Debatte. Sie hat sich dem Kontakt und Gespräch mit jungen in die Irre geleiteten Menschen gestellt. Anzeichen dafür, dass die Strategie der neuen Nazis auch auf Rügen aufgeht, sind inzwischen nicht mehr zu übersehen. Erst vor einem Jahr verabschiedete der Kreistag über Parteiengrenzen hinweg ein Papier, das sich für mehr Bürgernähe und Demokratie aussprach.

Es ist an der Zeit, ehrlich die Frage zu beantworten, was sich bisher getan hat und wie man sich angesichts der 2009 anstehenden Kommunalwahlen gemeinsam demokratisch gegen rechte Ränder aufstellen will. Jedenfalls ist es allerhöchste Zeit über eine Einschätzung Toralf Stauds hinweg zu kommen: Über Rechtsextreme wird in Deutschland entweder hysterisch oder überhaupt nicht geredet.