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Dieser Artikel wurde am 30. April 2008 um 02:52 Uhr in der Rubrik Kommentare und Anmerkungen veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Kohlewerk contra Gesundheit

RÜGANER ANZEIGER-Interview mit Wolfgang Kannengießer

Insel Rügen (gü). Wolfgang Kannengießer, Mitglied in der Bürgerinitiative „Kein Steinkohlekraftwerk in Lubmin“ aus Sellin referierte dieser Tage vor Binzer Hoteliers zum Thema Kohlekraftwerk. Der auch im Regionalvorstand des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Rügen ehrenamtlich tätige Hotelier stellte die Kritikpunkte gegen den geplanten Neubau des Kohlewerks einmal anders dar. Er beruft sich auf das „Gesundheitsland M-V“, das die Zukunft vieler tausender Existenzen sichern soll. Der RÜGANER ANZEIGER sprach mit ihm über natürliche Ressourcen, Gesundheitstourismus und die Verantwortung von Politik sowie des Staatlichen Amtes für Umwelt und Natur (StAUN) als Genehmigungsbehörde.

(RA): Herr Kannengießer, Sie machen Ihre Kritiken anhand des Masterplans Gesundheitswirtschaft M-V 2010 fest. Worauf legen Sie in der Debatte großen Wert? Wolfgang Kannengießer: Das Land hat einst diesen Masterplan ins Leben gerufen, politisch beschlossen und zur Grundlage der Entwicklungen zum Gesundheitsland gemacht. Das wird jetzt mit dem verfolgten und favorisierten Bau des Kohlekraftwerks konterkariert.

(RA): Etwas genauer bitte. Wo liegen die Knackpunkte? Wolfgang Kannengießer: Wir werden unserer natürlichen Ressourcen beraubt. Warum kommen Leute nach M-V, warum wollen sie sich hier erholen? Gute Luft, gesunde Wälder, ein ganzheitliches Klima. Das sind die Eckpunkte, auf die auch die Landesregierung einst setzte. Damit verbunden sind auch Investitionen in einer achtstelligen Größenordnung, über die wir zu reden haben.

(RA): Nochmals zum Masterplan des Landes: Über welche Zahlen sprechen wir? Wolfgang Kannengießer: Wir sprechen über 1,7 Milliarden Euro Investitionen seit 1990 in die Gesundheitsbranche. Wir haben im Land 34 Krankenhäuser, 65 Kureinrichtungen und 57 anerkannte Erholungsorte. Dort arbeiten rund 86.000 Menschen. Durch den Bau des Kohlekraftwerks werden diese Menschen ihrer Arbeitsplätze in Größenordnungen beraubt. Sind diese einmal negativ belastet, haben wir geringere Chancen, im Wettbewerb dieser Branchen (Gesundheit und Tourismus - Anm. d. Red.) zu bestehen.

(RA): Dazu sagt der Masterplan was aus? Wolfgang Kannengießer: Dieser sagt klipp und klar aus, dass M-V in den nächsten Jahren als ein wettbewerbsfähiger und attraktiver Standort der Gesundheitswirtschaft zu etablieren und zu positionieren ist. Die Landesregierung hat selbst festgelegt, dass Wachstums- und Beschäftigungspotenziale der Gesundheitsbranche zu mobilisieren sind. Durch die Inbetriebnahme eines Steinkohlekraftwerks aus meiner Sicht unglaubwürdig und Produktunehrlich.

(RA): Wie sind Sie in die Rolle eines Vortragenden zu diesem Thema geraten? Es gibt ja genügend Fachleute? Wolfgang Kannengießer: Ich habe damals an einer Veranstaltung der Bürgerinitiative „Kein Steinkohlekraftwerk in Lubmin“ teilgenommen. Danach war klar, dass wir als Kritiker nicht nur Krawall machen dürfen. Wir müssen die Befürworter mit knallharten Fakten stellen und zum Nachdenken auffordern!

(RA): Damit meinen Sie sicher zuerst die Politiker? Wolfgang Kannengießer: Das Umweltverständnis ist heute ein anderes als vor 20 Jahren. Natürlich müssen wir an die Verantwortung der Politik appellieren und notfalls einfordern. Das Volksbegehren mit über 27.000 Unterschriften ist ein gutes Beispiel dafür. Ich denke, Politiker sind in der heutigen Zeit sehr wohl in der Lage, politische Entscheidungen neu abzuwägen und anders zu justieren, wenn sich solcher Widerstand in der Bevölkerung entwickelt.

(RA): Und das StAUN? Wolfgang Kannengießer: Dem StAUN als Genehmigungsbehörde kommt eine große Aufgabe zu. Es hat bei der Bewertung der Antragsunterlagen und damit möglichen Genehmigung eines solchen Werkes genau darauf zu achten, dass sich auch perspektivisch die kritischen Werte nicht negativ auf die Regionen auswirken.

(RA): Wie sehen Sie die zahlreichen Initiativen gegen das Werk? Ist nicht eine gebündelte Stimme sinnvoller? Wolfgang Kannengießer: Sich gegen etwas zu stellen, das augenscheinlich schlecht ist, ist nicht verkehrt. Aber es muss jetzt darauf geachtet werden, dass alle Anstrengungen und alles Engagement besser zum Tragen kommt, wenn es gebündelt wird. Dann haben wir auch Aussicht auf Erfolg.