Kinder sind wichtig für die Gesellschaft
RÜGANER ANZEIGER-Kolumne: Von Dr. Udo Knapp (SPD)
Mehrere hunderttausend Krippenplätze will Familienministerin Ursula von der Leyen bis zum Jahr 2012 schaffen. Ein mutiges, ein großes Reformprojekt mit unübersichtlich vielen Problemen behaftet.
Der bevölkerungspolitische Rahmen
In der Bundesrepublik geht die Bevölkerung dramatisch zurück. Es gibt immer mehr Alte, immer weniger Kinder werden geboren und die Zuwanderung in die Bundesrepublik ist zu niedrig, um diesen Aderlass auszugleichen. Neben vielen anderen Folgen dieser Tatsachen ist fest zu halten, dass der deutschen Wirtschaft auf allen Sektoren und der Gesellschaft insgesamt auch in ihren Dienstleistungssektoren die Fachkräfte ausgehen. Nicht übermorgen, sondern schon heute ist der Fachkräftemangel in den Neuen Ländern ein ernst zu nehmendes Investitionshindernis. Da hilft es gar nichts: Die Frauen sind die einzige Reservearmee, die für den Ausgleich dieses Fachkräftemangels zur Verfügung steht. Frauen dürfen im Interesse des Ganzen nicht mehr Zuhause bei ihren Kindern bleiben, möglichst viele von Ihnen werden in Wirtschaft und Gesellschaft als Vollzeitarbeitskräfte gebraucht, nicht irgendwann sondern sofort.
Über das Arbeiten und das Kinderkriegen
Wenn Frauen arbeiten und zu gleich Kinderkriegen, dann muss die öffentliche Kinderbetreuung ausgebaut werden. Die Kinder müssen schon früh, am besten nach drei oder sechs Monaten in die Krippe, damit die Mütter wieder arbeiten können. In den Neuen Ländern kein Problem, da gibt es schon heute genug Krippenplätze. In den alten Ländern gibt es viel zu wenige Krippenplätze. In den Alten Ländern gibt es zu dem ein anderes Frauen- oder besser Mutterbild. Die Mutter gehört im Bewusstsein vieler Menschen, Männern, wie Frauen zumindest für die ersten drei Jahre zu Ihren Kindern – mit der Folge, dass die Mehrheit der kinderwilligen Frauen in der Regel für Jahrzehnte aus dem Arbeitsleben ausscheiden, auf eigene Karrieren verzichten, keine eigenen Rentenansprüche erwerben, von ihren Männern vor allem finanziell völlig abhängig werden und die hohen Kosten für ihre Ausbildung volkswirtschaftlich betrachtet sinnlos rausgeworfenes Geld sind. Hier setzt Frau von der Leyen an.
Ein neues Frauenbild, Gleiche Chancen für Frauen in jeder Hinsicht und mehr Kinder
Mit ihrem Vorstoß erst zum Elterngeld und nun zu den Kindergrippen will Frau von der Leyen die materiellen Voraussetzungen für ein völlig neues Frauenbild schaffen. Die Hausfrauenexistenz soll abgeschafft oder zumindest substantiell zurückgedrängt werden. An ihre Stelle tritt in nur wenigen Jahren die in Wirtschaft und Gesellschaft in jeder Hinsicht gleichberechtigte Frau. Ihr Umfeld soll mit staatlicher Hilfe so organisiert werden, dass jeder Gedanke und jeder wirtschaftliche Anreiz für Frauen nach oder vor ihren Ausbildungen zu Müttern und Hausfrauen zu mutieren verschwinden. Gleichberechtigung von Frauen bisher eher eine von den Männern achselzuckend ertragene Modeerscheinung, wird zur ökonomischen Notwendigkeit und unvermeidbar. Alle Männer müssen sich warm anziehen, sie werden in den nächsten Jahrzehnten auf vielen Felder auf allen Ebenen und vor allem an der Spitze in Wirtschaft und Gesellschaft den Frauen Platz machen müssen, sich an Haus- , Erziehungs- und Kinderarbeit gewöhnen müssen. Eine echte Zumutung, die von den Männern mehr Anpassung und Unterordnung verlangen wird als sie sich heute vorstellen. Der Macho, der echte Kerl, der wird es eher schwer haben und im schlechtesten Fall wird die Zahl der Alleinerziehenden Frauen und der unterhaltspflichtigen Männer stark zu nehmen. Starker Tobak für die deutsche Männerwelt. Noch schwieriger zu begreifen, dass diese Radikalität aus der CDU heraus exekutiert wird. Den Sozialdemokraten hat es darüber fast die Sprache verschlagen, aber das hilft ihnen nicht viel, sie sind die wichtigsten Verbündeten von Frau von der Leyen.
Alle reden über die Frauen, wie es den Kindern dabei geht, das wird kaum diskutiert
Ob es den Kindern gut tut, wenn sie mit drei oder sechs Monaten in die Krippen kommen, darüber lässt sich trefflich streiten. In den neuen Ländern wieder kein Problem, da gibt es lange DDR- Erfahrungen, die, so die allgemeine Meinung, für den frühen Krippenalltag sprechen. In den alten Ländern wird hier, bis auf einige Großstädte völliges Neuland betreten. Wie die Krippen, übrigens in West und Ost ausgestattet werden müssen, wie die Krippenerzieherinnen ausgebildet werden müssen, damit sie Mutterliebe ersetzen können, darüber wird nirgendwo geredet. Es gibt für die geplanten 750 Tausend neuen Krippenplätze gar kein Fachpersonal, wer sie ausbilden soll, wie sie ausgebildet werden sollen, akademisch oder dual, darüber redet keiner. Wer diese Ausbildung bezahlt, das ist völlig offen. Aber Gleichberechtigung von Frauen in Arbeit und Gesellschaft ohne gute Krippenkonzepte und ohne Vorfahrtsregelungen für Frauen mit Kindern im Beruf, in der Ausbildung, am Arbeitsplatz, bei der Karriere und der Rentenversorgung wird es nicht geben.
Eine gesellschaftlicheFrage wird gestellt
Frauen mit Kindern in Arbeit ist das Eine, aber eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht liebt, wird auch die Mehrheit der Frauen nicht ermutigen sich auf den Superstress von Arbeit und Kindern und Mann/Familie einzulassen. Es reicht nicht die Kinder möglichst sicher in Institutionen unterzubringen und daran zu glauben, dass sich dann alles für ihre Erziehung, ihre glückliche Kindheit von selbst regelt. Kinder brauchen Liebe, unendlich viel. Kinder brauchen Zuwendung, unverwechselbare, persönliche zuerst von ihren Eltern oder Familien und Kindern, brauchen das gesellschaftliche Klima gewollt zu sein, überall, zu jeder Zeit und zu jedem Preis. Davon sind wir in der Bundesrepublik weit entfernt. Der Einwände ließen sich noch viele formulieren. So ist es z.B. nicht hinzunehmen, dass die neuen Länder von den geplanten Bundeszuschüssen zu den Kinderkrippen nichts abkriegen sollen, weil der Bund, aus was für Gründen auch immer, nur Investitionskosten fördern will. Hier sind die Ministerpräsidenten der neuen Länder persönlich gefragt, sich dieser Provokation aus dem alten Westen zu widersetzen. Aber unterm Strich, Frau von der Leyens Revolution des Familienbildes, des Familienlebens ist losgetreten und revolutionäre Feuer verbrennen überkommenes heiß und unerbittlich, ohne dass sicher ist, ob das was dabei herauskommt in jeder Hinsicht besser sein wird, als das Althergebrachte. Aber ohne radikalen Wandel keine Zukunft und eine Zukunft der Bundesrepublik unter der heraufziehenden Herrschaft von Frauen, warum soll das schlechter werden, als alles das was wir Männer bisher zustande gebracht haben.
Frau von der Leyen hat eine echte gesellschaftliche Revolution angezettelt, wie weit sie damit kommt . . .
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