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Dieser Artikel wurde am 13. April 2010 um 09:19 Uhr in der Rubrik Allgemeines veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Ist Rügens Zukunft wirklich gefährdet?

Eine Betrachtung von Dr. Hans-Georg Voigt (85)

Rügen (DR). Der Binzer Dr. Hans-Georg Voigt (85) wandte sich mit seinen Gedanken zur Zukunft der Insel Rügen an den OSTSEE ANZEIGER - Der Rüganer. Wir wollen Ihnen diese Gedanken nicht vorenthalten:

„Den Medien und örtlichen Beobachtungen zufolge ist man inzwischen geneigt die Frage ’Ist Rügens Zukunft wirklich gefährdet?’ zu bejahen. Zwei Zukunftswege tun sich auf. Entweder Rügen bleibt die herrliche, naturbelassene Insel mit angemessener, sinnvoller Tourismusnutzung und ebensolcher Wirtschaftsstruktur oder Rügen wird ein industriell ausufernder Seewirtschaftsstandort und Multidrehscheibe für einen EU-Transitverkehr, wie es jetzt in der Presse fortgesetzt propagiert wird. Auf meine diesbezügliche mündliche und schriftliche Anfrage gab unser Ministerpräsident Erwin Sellering in einem Antwortschreiben zu, ’dass es hier einen Zielkonflikt gibt und dieser auf einer Insel wie Rügen mit ihren begrenzten räumlichen Möglichkeiten besonders deutlich wird.’ Auf der einen Seite sieht auch er ’das einzigartige Naturerbe Rügens, das es zu schützen und bewahren gilt’, auf der anderen aber in Mukran ’einen Tiefwasserhafen in günstiger seegeografischer Lage’, mit Umschlagmöglichkeiten auf Breitspureisenbahnen, ’was ein Strukturschwaches Land ausnutzen müsse. Zwischen diesen Interessen, die auf Rügen zusammentreffen, muss ein Ausgleich gefunden werden.’ Im Schreiben aus der Schweriner Staatskanzlei heißt es dann weiter ’dass dafür der Gesetzgeber besondere Verfahrensregelungen getroffen hat - so im Bereich der Raumordnung, der Bauleitplanungen und der Planfeststellung. Er hat dabei zusätzlich dafür gesorgt, dass nicht nur Behörden und andere Träger öffentlicher Belange gehört werden: Im Rahmen der jeweiligen Öffentlichkeitsbeteiligung zu einem Vorhaben müssen auch die Bürgerinnen und Bürger als Betroffene zu Wort kommen und die Entscheidungsträger müssen sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Beispiele sind die Verfahren zum Regionalen Raumentwicklungsprogramm Vorpommern, zum Steinkohlenkraftwerk Lubmin oder zur Bundesstraße B96n. Die genannten Regeln gelten auch für Vorhaben am Fährhafen Mukran selbst und für den Ausbau seiner Hinterlandanbindungen - soweit sie nicht bereits durch bestehende Rechtsgrundlagen abgedeckt sind.’ Diese Ausführungen sind in bestimmter Weise eindeutig, werfen aber gerade deshalb sehr viele Unklarheiten und Zweifel an Sinngehalt und Zweckmäßigkeit auf.

Welchem Normalbürger sind die aufgeführten Verfahrensregelungen zur Raumentwicklung von Vorpommern und anderen Programmen wirklich bekannt und wo und bei welchem Betroffenen wurden sie vorausschauend angewandt? Analog sind im Prinzip alle Rüganer und ihre Nachkommen von der aufgezeigten Zukunftsperspektive betroffen, allein schon deshalb, weil völlig unklar bleibt, ob solch ein geplanter, rigoroser und für Mensch und Natur opferreicher Interessenausgleich tatsächlich zu verantworten und wegen der sich verstärkt anbahnenden schweren wirtschaftlichen Probleme der andere Seehäfen unseres Landes überhaupt notwendig ist. Hier besteht also auf demokratischer Basis ein riesiger Beratungs- und Handlungsbedarf.

Immerhin hat mich der Ministerpräsident am Schluss seines Briefes darum gebeten mich ’auch weiterhin in die notwendigen Diskussionen vor Ort einzubringen.’ Aber da gibt es eigentlich viele kompetentere Rüganer und lokale Institutionen, die das effektiver könnten und auch müssten.

So oder so steht fest, dass nicht eine meist anonyme Ökonomie einer profitgierigen Minderheit mit allen ihren negativen Folgen, sondern die Ökologie der Mehrheit die Richtung anzeigen muss. Das gilt vordringlich auch für das Weltnaturerbe Rügen, die einmalig schönste deutsche Insel. Ihre Bevölkerung sollte sich also nicht nur für eine rein formale Selbständigkeit stark machen, sondern sich endlich den bisherigen Kämpfern für Rügens Überleben anschließen, ehe die letzten Lücken zugebaut, die letzten Bäume gefallen sind und die Heimat ohne Touristen bei Verkehrslärm in offenen Kieslöchern, Kreideschächten und unter Straßenbeton versunken ist. Rügen ist wirklich gefährdet!“