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Dieser Artikel wurde am 21. Februar 2006 um 03:58 Uhr in der Rubrik Vogelgrippe (Aktuell) veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

H5N1 die Vogelgrippe ist in Deutschland nachgewiesen

Katastrophenalarm auf Rügen / Erste Nachweise der Vogelgrippe auf Deutschlands größter Insel / Seuche erreicht Festland

Von Rbby Günther

Insel Rügen. H5N1 die Vogelgrippe ist in Deutschland! Am Abend des 14. Februar tickern die ersten Meldungen über infizierte Schwäne auf der Insel Rügen über alle online-Zeitungen. Einen Tag später, am 15. Februar, verkündet Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei.PDS) um 14 Uhr in einer einberufenen Pressekonferenz im Landratsamt, dass drei tote Vögel positiv auf die Vogelgrippe H5N1 getestet worden sind.

Es handelt sich hierbei um zwei Schwäne und einen Habicht. Dieser sei bereits am 5. Februar aufgefunden worden und ist im Zuge der seit Oktober durchgeführten Beprobungen von Totfunden untersucht worden. Die beiden Schwäne wurden am Wochenende um den 11. und 12. Februar aufgefunden.

Damit ist traurige Gewissheit, was lange befürchtet wurde: die Vogelgrippe ist in Deutschland, ist auf der Insel Rügen ausgebrochen. Experten standen zu diesem Zeitpunkt vor vielen ungeklärten Fragen, die bis heute keine abschließende Antwort erfahren haben. Wie ist der Ausbruch zu begründen? Gegenwärtig gibt es keinen Vogelzug, wo haben sich die Tiere angesteckt? Wenn es eine Ansteckung bereits im letzten Herbst gegeben habe, wie lange ist die wirkliche Inkubationszeit und welche Vogelarten kann es betreffen? Der positiv beprobte Habicht lässt eine schlimme Entwicklung der Tierseuche erwarten. Denn bisher waren die Experten davon ausgegangen, dass sich See- und Wasservögel mit der Vogelgrippe infizieren. Von Wild- bzw. Raubvögeln, geschweige den Singvögeln war bis dato keine Rede. Und die Halter von Nutzvögeln bangen um ihre Bestände. Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) verlegte die angeordnete Stallpflicht für Hühner, Enten, Gänse und anderes Federvieh vom ursprünglich geplanten 1. März auf den 17. Februar vor. Auf der Insel Rügen trat die so genannte Aufstallung sofort in Kraft. Im Landratsamt wird ein Krisenstab gebildet, der unter Leitung der Beigeordneten Dr. Ulrike Lucas (SPD) seine Arbeit aufnimmt und die ersten Maßnahmen einleitet. Mittlerweile haben sich Heerscharen von Reportern auf Deutschlands größter Insel niedergelassen Rügen besitzt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Nation. Dem Krisenstab gehören weiterhin Landrätin Kassner und Dr. Bernd Nostiz, Leiter des Rügener Veterinäramtes, an. Stündlich werden tote Tiere rund um den Bereich der Wittower Fähre gemeldet. Hunderte tote oder fast verendete Schwäne befinden sich in den Gewässern rund um den Rassower Strom. Die Bergung der toten Tiere erweist sich aufgrund der Witterungslage als schwierig.

Im Laufe der vergangenen Woche entwickelt sich nach einer anfänglich sachlichen Berichterstattung aufgrund der ausbrechenden Streitereien zwischen dem Rügener Krisenstab, Landesagrarminister Dr. Till Backhaus (SPD) und Bundesagrarminister Seehofer ein Journalismus, der die ohnehin schlechten Nachrichten effektvoll erweitert. Aus der Krise wird die Katastrophe. Zwischenzeitlich stellt Backhaus den vor Ort Handelnden Ultimaten, bis wann alle toten Vögel einzusammeln sind. Nicht zu schaffen, so die Antwort aus dem Krisenstab, es sind zuwenige Helfer. Das führt dazu, dass im Laufe der Woche die Freiwilligen Feuerwehren an den Sammelaktionen beteiligt werden. Zwischenzeitlich wird der Ruf lauter, den Katastrophenfall auszurufen, um auf Logistik des Bundes zurückgreifen zu können und die Bundeswehr einzusetzen, um die Helfer vor Ort zu unterstützen. Politischer Höhepunkt der Woche war dann am Sonntag der Besuch von Kanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU), die sich ein Bild von der Lage machen wollte und an der Sitzung des Krisenstabes in der Bergener Leitstelle teilnahm. Ihr Statement nach der Sitzung ließ den Schluss zu, dass die Kanzlerin Rügen gehört zum Wahlkreis 15 der Politikerin die Ausrufung des Katastrophenfalls in der entstandenen Situation als beste Lösung ansehen würde. Die Entscheidung darüber liegt aber bei Kerstin Kassner. Kanzlerin Merkel trifft sich am Sonntagnachmittag mit Vertretern des Tourismus und der Rügener Wirtschaft. Auch bei diesem Zusammentreffen wird die Ausrufung des Katastrophenfalls als immer wahrscheinlicher werdend angesehen, um die überforderten Hilfskräfte zu unterstützen. Eine Gruppe Unternehmer, Vertreter von Verbänden und im Kreistag sitzender Parteien macht sich am Sonntagnachmittag auf den Weg nach Bergen auf Rügen, um Landrätin Kassner während der Sitzung des Krisenstabes die Ausrufung des Katastrophenfalls nahezulegen und Unterstützung zu signalisieren. Die Verwaltungschefin stellt um 19.30 Uhr den Katastrophenfall laut einer Sprecherin des Landratsamtes fest. Der Landkreis ist nicht mehr in der Lage, mit seinen eigenen Kräften die toten Wildvögel zu beseitigen. Die Anzahl erhöht sich stündlich. Wir hoffen, dass wir mit Unterstützung von Bund und Land die schwierige Situation meistern, erklärte Kerstin Kassner.

Im Laufe des Sonntag haben Soldaten eines Bundeswehr-ABC-Zuges mit dem Aufbau einer Desinfektionsschleuse auf dem Rügendamm begonnen. Zwei weitere werden im Fährhafen Sassnitz sowie an der Wittower Fähre aufgebaut. Letztgenannte ist zwischenzeitlich geschlossen worden. Prophylaktisch wurde zudem am Sonntag mit der Tötung besonders gefährdeter Hausgeflügelbestände begonnen. Dies ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Bislang gibt es keine positiven Befunde bei Hausgeflügel. Die Maßnahme wird bei den Beständen durchgesetzt, die sich in unmittelbarer Nähe zu infizierten Wildvögelpopulationen befinden, so die Sprecherin des Landratsamtes weiter.

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Dr. Bernd Nostiz, Leiter des Veterinäramtes Rügen, erklärt während der ersten Pressekonferenz zum Ausbruch der Vogelgrippe auf Rügen am letzten Mittwoch, wo die Fundorte der infizierten Tiere im Norden der Insel Rügen liegen. Als Mitglied des gebildeten Krisenstabes koordiniert er den Einsatz der Amtsärzte und der freiwilligen Helfer, die die toten Tiere einsammeln. Foto: Günther

Mit der Ausrufung des Katastrophenfalls werden nun die Hilfsmaßnahmen durch den Einsatz der Bundeswehr erhöht. Experten rechnen damit, dass nach 14 Tagen die Lage soweit unter Kontrolle ist, dass der Katastrophenfall wieder aufgehoben werden kann. Insgesamt kamen in der letzten Woche 275 Helfer zum Einsatz. 96 Fahrzeuge standen zur Verfügung. Es wurden weiterhin tote Vögel gesichtet, geborgen und abtransportiert. Sechs Teams mit je zwei Veterinären setzten die Überprüfungen und Beprobungen der Hausgeflügelbestände fort. Zwischenzeitlich sind bei 18 weiteren Vögeln, die im Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems untersucht wurden, positive Befunde mit der Vogelgrippe H5N1 festgestellt worden. Damit erhöht sich die Anzahl der infizierten Vögel auf insgesamt 79 (Montag 17 Uhr). Hauptsächlich handelt es sich um Schwäne, aber auch Kormorane, Gänse und ein Bussard sind dabei. Im Laufe der letzten Woche sind durch die Helfer mehrere hunderte toter Tiere eingesammelt und verbracht worden. Mittlerweile ist das Virus auch in drei Fällen auf dem Festland nachgewiesen bzw. per Verdachtsmoment bekannt geworden. In den Landkreisen Ost- und Nordvorpommern sowie in der Hansestadt Rostock sind tote Vögel gefunden worden, die den Erreger in sich trugen.