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Dieser Artikel wurde am 05. Oktober 2006 um 03:48 Uhr in der Rubrik Allgemeines veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Georisiken an Steilküsten: Dringlicher Appell an alle Träger von Baumaßnahmen

Prof. Dr. Ralf-Otto Niedermeyer: Halten Sie gebührenden Abstand zu den Küstenlinien! Sie verändern sich, auch plötzlich...

Von Wolfgang Urban

Ostseeküste. Im vergangenen RÜGANER ANZEIGER wurde das Doppelheft der Zeitschrift für Geologische Wissenschaften vorgestellt (ISSN 0303-4534), in dem vor allem die Beiträge des Kolloquiums am 19.04.2005 zu Kliffabbrüchen publiziert wurden. Gasteditor der Publikation ist Prof. Dr. Ralf-Otto Niedermeyer (siehe Foto). Befragt nach dem Kolloqium von damals und Neuigkeiten in der Zwischenzeit, sagte er: Das von mehr als 100 Teilnehmern am 19. April 2005 sehr gut besuchte Kolloquium Kliffabbrüche Ursachen und Folgen zeigte das außerordentliche Interesse der Rüganer an der Thematik. Vor diesem Hintergrund entschloss sich der Geologische Dienst im Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie von Mecklenburg-Vorpommern die vorgetragenen sowie im Laufe der folgenden Monate erzielten neuen geowissenschaftlichen Ergebnisse in zusammenfassender Form als Fachpublikation zu dokumentieren.

Mit anderen Worten, diese Ergebnisse sollten unbedingt durch ihre schriftliche Darstellung und für jedermann zugänglich mithelfen, die Ursachen und Gefahren von Kliff-abbrüchen im Landkreis Rügen (speziell Jasmund, aber auch Hiddensee) sowie vorbeugende Maßnahmen fachlich fundiert aufzuzeigen. Besonders wichtig waren hierbei die neuen bis zu 60 m tiefen Bohrungen in Lohme im Gebiet des Diakoniegebäudes. Sie gaben wertvolle, bisher unbekannte Informationen zu den geologischen Verhältnissen im Bereich der Abbruchstelle. Z.B. konnte eine unterhalb des Gebäudes verlaufende geologische Störung erkannt werden. Außerdem wurden die komplizierten Lagerungsverhältnisse der dortigen Erdschichten genau untersucht und sind nun bekannt. Zu neuen Erkenntnissen führte auch die Betrachtung der Küstenveränderungen Jasmunds seit den Zeiten Caspar David Friedrichs, also seit ca. 200 Jahren. Es zeigte sich u. a., dass frühere Beobachtungen und Darstellungen der Jasmunder Küste bereits abbruchgefährdete Bereiche auswiesen. Leider geraten diese wichtigen historischen Zeugnisse in unserer schnelllebigen Zeit zunehmend in Vergessenheit! Diese Vergesslichkeit kann wie wir gesehen haben viel Geld und sogar Menschenleben kosten! Neu sind auch die mit modernster Laser-Messtechnik gewonnenen Ergebnisse zum Verlauf der Lohmer Küstenlinie im Vergleich zu früheren Vermessungen. Dieses und vieles andere kann in der Publikation, nicht nur vom Fachmann, nachgelesen werden. Dass diese neuen Untersuchungsergebnisse wenig mehr als ein Jahr nach den Kliffabbrüchen Anfang 2005 jetzt vorgelegt werden konnten, hängt auch mit der sehr guten Zusammenarbeit zwischen dem Geologischen Dienst M-V und der Ingenieurgesellschaft WASTRA-Plan Bergen/Rostock, dem Staatlichen Amt für Umwelt und Natur Rostock (Abteilung Küste) sowie dem Nationalpark Vorpommern und dem Landkreis Rügen zusammen. Wie mir Frau Landrätin Kassner kürzlich mitteilte, ist die Publikation bereits in den nachgeordneten Rügenschen Verwaltungsbereichen auf großes Interesse gestoßen und auch erworben worden. Übrigens wurden unsere Untersuchungen durch eine neue Messkampagne an der Jasmunder Steilküste im Monat September d. J. fortgesetzt, die zu weiteren Erkenntnissen über das von Kliffabbrüchen bzw. Hangrutschungen ausgehende Gefährdungspotenzial führen werden. Vielleicht haben ja einige Rüganer in den zurückliegenden Tagen bereits entsprechende Aktivi-täten von Mitarbeitern des Geologischen Landesdienstes bemerkt, die in Zusammenarbeit mit Geologen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) Hannover und Studierenden der Universitäten Greifswald und Tübingen weitere Geodaten ermittelten. Bleibt die Frage nach den Hinweisen, die aus all dem für die Gegenwart resultieren. Dazu Prof. Niedermeyer: Zunächst würde ich mir wünschen, dass die großen Steilküstenabbrüche auf Rügen am Beginn des Jahres 2005 sowie die jetzt vorliegenden veröffentlichten Ergebnisse zu geowissenschaftlichen, naturschutzfachlichen und rechtlichen Aspekten dazu beitragen mögen, dass das Verständnis von stetigen Veränderungen der Küstenlinien bzw. generell der Umwelt wächst. Auch zu erkennen und wahrzunehmen ist, dass wie Dr. Weigelt vom Nationalpark Jasmund in seinem Beitrag formulierte Natur immer auch Gefahren mit sich bringt, denen wir vorausschauend mit Aufmerksamkeit, fachlichen Kenntnissen und Umsicht begegnen müssen. Dann kann man jederzeit auch an der Rügenschen Steilküste entlang wandern. Weiterhin gilt es, bekannte und neue geowissenschaftliche Erkenntnisse bzw. Informationen, die die Staatlichen Geologischen Dienste in ihren Archiven und Datenbanken vorhalten und ausbauen müssen, in Planungs- und Bauvorhaben verstärkt einzubeziehen. Das spart bares Geld! Drittens bleibt zu hoffen, dass die sehr lange Zeiträume betrachtenden und äußerst praktisch bzw. angewandt ausgerichteten Geowissenschaften, z. B. auch an der Universität Greifswald mit ihren neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, in Zeiten heraufziehender vielfältiger Herausforderungen durch natürliche und vom Menschen ausgehende Umweltveränderungen mehr Zulauf haben. Abschließend noch die Bitte und Empfehlung an die Geo-Unternehmen, den Kenntnis-, Daten- und Erfahrungsschatz des geologischen Landesdienstes auch in Mecklenburg-Vorpommern verstärkt zu nutzen. Zuletzt der dringliche Appell an alle Träger von Bauvorhaben: Halten Sie gebührenden Abstand zu den Küstenlinien! Sie verändern sich, auch plötzlich!! Sie laufen Gefahr, Ihre Investition buchstäblich in den Sand zu setzen wegen Verkennung von Geo-Gefahren und daraus resultierender Unverkäuflichkeit der Grundstücke inkl. Leerstands der darauf stehenden Bauten. Das Diakoniegebäude in Lohme sollte Mahnung genug sein!