Freie Schule Rügen: Mauer-Forum und „Blick über den Zaun“
Freie Schule Rügen macht Geschichte lebendig

Davon erfahren, was man selbst nie erlebt hat, ist für Kinder noch immer eine spannende Geschichte. Foto: privat
Dreschvitz (apf). „Unseren Kindern ist es eigentlich egal, ob wir vom Osten oder vom Westen Deutschlands sprechen. Und das ist aus heutiger Sicht auch gut so.“ Monika Morawietz, pädagogische Leiterin der Freien Schule Rügen in Dreschvitz, hat das ebenso erfahren, wie ihr Team. Und dennoch gibt es Momente, welche die sechs bis zehnjährigen Kinder fesseln. Auch das hatte sie erlebt, am Montag, 9. November 2009 - dem 20. Jahrestag des Mauerfalles. Zu dem waren die Eltern aufgerufen, ihre Erinnerungen daran, wie und wo sie diesen Tag erlebt haben, auf Papier zu bringen. Insgesamt 25 Geschichten kamen so zustande, die dann während des „Mauer-Forum“ an der Schule vorgelesen wurden - zum Teil auch von den Kindern der Schreiber selbst. Und mit jeder vorgelesenen Geschichte vielen erneut Mauersteine, die auf einer großen Deutschlandkarte auf dem Boden der Turnhalle um das einstige Westberlin aufgestellt waren. Erlebte Geschichte war das und eine Erinnerung an das, was die Kinder nie erlebt hatten. Für sie ist „Ihr“ Land so, wie es heute ist. Für sie gibt es keine Kluft zwischen „hüben“ und „drüben“ mehr. Und dennoch konnten sie aus den Erzählungen der Eltern lernen - und das ist Geschichte lebendig, die dazu angetan ist, das Heute zu verstehen und daran mitzuwirken, die Zukunft mit zu gestallten ...
Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, ereignete sich abseits der großen Kameras noch etwas - für die gesamtdeutsche Schullandschaft sehr Bedeutsames: In der Odenwaldschule, einer der traditionsreichsten reformpädagogischen Schulen Deutschlands, schlossen sich 20 Schulen im Schulverbund „Blick über den Zaun“ (BüZ) zusammen. Heute feiert das Netzwerk innovativer Schulen sein 20-jähriges Bestehen. Zahlreiche seiner Schulen wurden in den vergangenen Jahren für den deutschen Schulpreis nominiert oder gar mit einem Preis ausgezeichnet. Wolfgang Harder und Otto Seydel, Initiatoren des Verbunds, erinnern sich: „Als wir vor 20 Jahren zu unserem ersten Treffen einluden, hätten wir nie erwartet, dass der Verbund so lange bestehen und sich in dieser Form erweitern und damit zu einem Modell für ‚Schulentwicklung von unten' werden könnte“.
Über 100 reformpädagogisch orientierte Schulen aller Schulformen und -stufen, in staatlicher wie in freier Trägerschaft, arbeiten inzwischen im „Blick über den Zaun“ bundesweit zusammen (www.blickueberdenzaun.de). Die Schulen kooperieren in zwölf Arbeitskreisen mit je 6 bis 10 Mitgliedsschulen. Grundlage der Zusammenarbeit ist die Verständigung des Verbunds auf pädagogische Standards für eine gute Schule und auf ein gemeinsames Evaluationsverfahren. Alle halbe Jahre treffen sich die Schulen eines Arbeitskreises reihum in einer der beteiligten Schulen. Dabei besuchen jeweils zwei Kollegen zwei bis drei Tage lang die einladende Schule und geben Rückmeldungen zu deren pädagogischen Konzepten, zum beobachteten Unterricht und zum erlebten Schulalltag. Auf diese Weise erhalten die Gastgeber von ihren „kritischen Freunden“ wichtige Impulse zur Weiterentwicklung ihrer Arbeit - und die Besucher nehmen neue Anregungen in ihre Heimatschule mit. „Seit 2004 gehört auch die Freie Schule Rügen zu diesem Verbund“,, so Monika Morawietz. Und sie befindet sich in der Arbeitsgruppe 1 mit solchen Schulen wie der Schule Schloss Salem, Jenaplan-Schule Jena, Heinrich-von-Stephan-Oberschule Berlin oder der Gesamtschule Winterhude Hamburg in guter Gesellschaft.
„Wir werden an unserer Schule vom 17. bis 19. März 2010 die Partner der neun weiteren Mitglieder unseres Arbeitskreises 1 begrüßen“, schaut Monika Morawietz voraus. Diese werden ein waches Auge mitbringen und ganz sicher auch neue Erfahrungen mit zurück an ihre Schulen nehmen, ist sie sich sicher. Denn es ist mit Schule so, wie im Leben: Ein „non plus ultra“ gibt es nicht! Seit einem Jahr beschäftigt sich der Elternrat an der Freien Schule Rügen damit, wie die reformpädagogische Schule künftig aussehen soll. Die Eltern sind aktiv dabei, ihr demokratisches Recht auf Mitbestimmung zu nutzen. Nun ist die Frage, wie man die Schüler hieran beteiligen kann - denn auch dies unterstützt den Erziehungs- und Bildungsauftrag einer Schule. Erste Erfahrungen hat man bereits mit dem „Freitags-Forum“ geschaffen. Um die eigene Verantwortung der Kinder weiter zu entwickeln, können diese ihre Gedanken, Wünsche und Vorstellungen dabei in die gemeinsame Diskussion einbringen und so den Umgang miteinander „regulierend“ mitbestimmen.
Auch hierbei wird der „Blick über den Zaun“ helfen können, denn man will an der Freien Schule Rügen kein vorgefertigtes stures Programm, sondern eigene Bausteine entwickeln, die auf die Erfahrungen der Pädagogen des Schulverbundes, der Schule und der Eltern aufbauen. Denn Lernen braucht Freiraum: die Freiheit der Schule, den Unterricht jeweils neu zu denken und auf Bildung anzulegen, Zeit und Freiheit für aktive Formen der Aneignung, für selbstständiges und selbsttätiges Lernen und eigenverantwortliches Handeln. Lernen braucht individuelle und gemeinsame Rückmeldung, Präsentation und gesellschaftliche Anerkennung von Ergebnissen, wie es im Leitbild des „Blick über den Zaun“ formuliert ist - auch und gerade 20 Jahre nach dem Mauerfall.
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