Erinnerungen eines Soldaten
"Ich komme wieder, jedoch unter anderen Vorzeichen..."
Rügen/Wilhelmshafen. Am 23. Februar diesen Jahres bin ich auf der Insel Rügen eingetroffen, um für die Bundeswehr die Pressearbeit während des Einsatzes beim Kampf gegen die Vogelgrippe zu organisieren. Erstmalig habe ich so die größte deutsche Insel erreichen dürfen, die mir bisher nur von Erzählungen meiner Eltern, natürlich in Verbindung mit entsprechendem Bildmaterial, im Anschluss an ihre Urlaube bekannt war.
Der Anfangsbereich (Rügendamm - Bergen) konnte mir das Bild, das in meinem Kopf vorhanden war, nicht in Ansätzen bestätigen. Enttäuscht telefonierte ich noch während der Fahrt mit meinen Eltern, um ihnen mitzuteilen, welcher Eindruck sich bei mir eingestellt hat. Da ich aber weiter in den Norden der Insel musste, da sich der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns angemeldet hatte, ließ ich Bergen rechts liegen und verlegte weiter in Richtung Sagard und dann über die Schaabe bis nach Altenkirchen. Ab dann hatte sich meine Einstellung zu diesem Eiland grundlegend geändert. Nach einer Woche Rügen, ohne in den touristischen Schwerpunkten gewesen zu sein, ist mir klar geworden, dass ich mit Sicherheit erneut hierher zurückkehren werde, jedoch unter anderen Vorzeichen und dann mit der eigenen Familie im Schlepp. In einem Kontingent von mehr als 330 Soldaten wurde die Bundeswehr durch den Landrat der Insel Rügen angefordert, um beim Einsammeln der verendeten Vögel und bei der Desinfektion von Fahrzeugen im Bereich der Zufahrtswege auf die Insel zu unterstützen. Hierzu wurde ein Einsatzverband zusammengestellt, der sich aus unterschiedlichsten Einheiten zusammensetzte. Der Hauptauftrag dieser Truppe umfasste in erster Linie das Einsammeln toter Tiere (nicht nur Vögel) in den Bereichen der Ämter Nord und West. Dazu wurden fest verpackte Trupps in Stärke von fünf Soldaten, unterstützt durch einen örtlichen Führer/Begleiter an die entsprechenden Strandabschnitte verlegt, um diese dann zu bestreifen. Aufgefundene Tiere wurden verpackt und an festgelegten Stellen abgelegt, um diese in der Folge entsorgen zu können. Der Vorteil, auf Soldaten der Bundeswehr für diesen Auftrag zurückzugreifen bestand im wesentlichen darin, dass hier innerhalb kurzer Zeit ein Personalpool verfügbar gemacht werden konnte, den es auf ziviler Seite so nicht gibt. So war auch sichergestellt, dass nach einigen Einsatztagen stets ein Personalwechsel durchgeführt werden konnte, durch den jederzeit sichergestellt war, dass die Sammler auch weiterhin aufmerksam unter Berücksichtigung vorhandener Sicherheitsvorschriften ihrer Aufgabe nachgingen. Der zweite Einsatzbereich, die Desinfektionspunkte am Fähranleger Mukran, auf dem Rügendamm und an der Wittower Fähre, wurde durch die Spezialisten der ABC-Abwehrtruppe besetzt. Diese stellten durchgängig sicher, dass Kraftfahrzeuge die Insel nicht ohne vorherige Desinfektion verlassen konnten. Begleitet wurden die Einsätze der Soldaten in den ersten acht Tagen von einem gewaltigen Medieninteresse, was die Arbeit der eingesetzten Kräfte nicht immer vorteilhaft beeinflusste. Aber gerade dieses blieb und bleibt mir persönlich sicherlich auch weiterhin in Erinnerung. Eine Bewertung der Medienarbeit möchte ich, auch wenn es sich hier um meinen Aufgabenbereich handelte, nicht vornehmen, da dieses schon durch viele andere Stellen vorgenommen wurde. Nur eines sei gesagt, es ist an der Zeit zur Sachlichkeit zurückzukehren. Mit der Führung des Einsatzes war der in Bergen stationierte Landrat beauftragt. Neben der Einsatzplanung hatte diese Institution auch die logistische Seite sicherzustellen, was nicht immer ganz einfach war. Die Forderungen der militärischen Kräfte, in erster Linie zur Schutzbekleidung, wurden aber durchgängig erfüllt. Als vorteilhaft erwies sich auch die Unterbringung der militärischen Führungszelle im Amt Rügen Nord. Gerade die kurzen Wege sind es, die den Informationsfluss gewährleisten können. So war es auch möglich, unverzüglich auf neue Lagen reagieren zu können. Dazu gehörte in der Regel die Verlegung der Sammlertrupps, wenn die Aufklärungsflüge neue Ergebnisse gebracht hatten. Aber eines hat sich aus meiner Sicht auch hier wieder bestätigt: Die Zusammenarbeit zwischen Militärs und der zivilen Seite funktioniert in der Regel recht gut. Diese Erfahrung konnte ich bereits 1997 beim Hochwassereinsatz an der Oder machen. Bei den Katastropheneinsätzen kommt noch hinzu, dass die ortsansässige Bevölkerung den eingesetzten Soldaten den Sinn der Einsätze spüren lässt, was zusätzlich motiviert. Ein Mensch benötigt halt gerne mal ein wenig Anerkennung für das, was er leistet. Kommt diese von Außen, dann ist es um so besser.
Jörg Schrader
Korvettenkapitän
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