Ein neuer amerikanischer „Chef“
Die Kolumne der Wochenzeitung: Von Dr. Udo Knapp
Barack Obama hat die Präsidentenwahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) gewonnen. Ich habe das nicht für möglich gehalten. Ich habe mich geirrt. Ich habe die Nase von Politikern, die mit würdigen Worten viel versprechen, Visionen vortragen und dann was anderes machen, gestrichen voll gehabt. Das kann daran liegen, dass ich bei dem ewigen Kompromisse suchen unseres eigenen Politikalltags selbst ein Stück weit zynisch geworden bin.
„Hope“ und „Change“, die beiden Zentralbegriffe in Obamas Wahlkampf erschienen mir nur noch als leere, hohle Begriffe aus dem Redenschreiber - Zitatekasten. Aber als ich in der Wahlnacht Jesse Jackson, den großen alten Kämpfer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung weinend vor der Wand mit den Wahlergebnissen gesehen hatte, die Hand auf dem Herzen, das Bekenntnis aller amerikanischen Patrioten zu ihrem Amerika, da habe ich begriffen, in dieser Wahlnacht haben die Bürger Amerikas Geschichte geschrieben. Als dann Stunden später Obama und seine Frau, die beiden strahlenden Töchter jeweils an der Hand, in Chicago auf die Bühne traten, sind mir bei diesem Satz seiner Siegerrede selbst die Tränen in die Augen geschossen: „Ich würde heute Abend nicht hier stehen ohne die unablässige Unterstützung meiner besten Freundin, dem Fels unserer Familie, die Liebe meines Lebens, der nächsten First Lady der Nation, Michele Obama.“
Meine Gattin hat mich lachend darauf hingewiesen, dass sei doch alles nur perfektes Marketing. Sicher, das ändert aber nichts daran, dass in diesem Augenblick die Träume und Wünsche hunderttausender Amerikaner auf demokratische Weise ihrer Erfüllung einen riesigen Schritt näher gekommen sind. Bis vor wenigen Monaten war die amerikanische Gesellschaft geprägt von den scharf trennenden Gegensätzen ethnischer Grenzen. Einig waren sich die Amerikaner immer nur nach außen.
Amerika war Fluchtburg für Millionen Verfolgte und Freiheitsliebende aus aller Welt. Aber in Amerika angekommen, waren sie dennoch immer noch nur Bürger zweiter Klasse. Die Schwarzen, die UrUrenkel der Plantagensklaven aus dem Süden Amerikas, waren zwar freie Bürger mit den gleichen Rechten und Pflichten, wie sie für alle Amerikaner verpflichtend sind, aber in der Gesellschaft sind sie bis heute Underdogs geblieben. Auch wenn sich seit Johnsons und Kennedys Regierungszeiten hier einiges bewegt hat, eine schwarze gebildete Mittelschicht entstanden ist, und immer mehr Schwarze in den Topp-Positionen auftauchen, an der Spaltung der Gesellschaft nach Rassen und Herkommen, in Weiße, Juden, Schwarze, Hispanics, Chinesen hat sich dennoch wenig verändert. Obamas Anspruch auf das Präsidentenamt und sein Sieg markieren hier einen Wandel zu einer neuen amerikanischen Nation. Erstmals in der amerikanischen Geschichte reißen die Bürger aller Rassen und Farben die gesellschaftlichen Schranken untereinander und handeln in der wichtigsten politischen Frage der Nation – „ Wer soll unser nächster Präsident sein“ – gemeinsam. Sie alle, Weiße, Schwarze, Juden, Hispanics, Chinesen, Japaner u.a., haben auf diese Frage eine gemeinsame Antwort: Obama.
Dieser Schritt kann als selbst vollzogene Neugründung der amerikanischen Nation begriffen werden. Obama hat die gesamte Jugend Amerikas politisiert und hinter sich gebracht, mit dem Internet neue Horizonte wirksamer direkter Demokratie eröffnet und mit seinem Wahlsieg eine neue Epoche amerikanischer Politik und Kultur eingeleitet. Wenn am 20. Januar 2009 die Familie Obamas nach seiner Vereidigung als 44. Präsident der USA Hand in Hand durch die Türen ins Weiße Haus eintreten, dann werden noch einmal Millionen Amerikaner mit Tränen in den Augen jubeln. Es ist nur zu hoffen, dass Obama und seine Familie so gut geschützt werden, dass niemand ihnen etwas antun kann.
Hintergrund: Dr. Udo Knapp ist seit Jahren als Kolumnist für diese Wochenzeitung tätig. Er greift Themen des Alltags auf und bezieht seine Positionen dazu. Mit großem Pro und Contra für unsere Leserinnen und Leser. In der kommenden Ausgabe setzt er seine Rezensionen von Büchern im Zusammenhang mit der politischen Wende in der ehemaligen DDR fort. Freuen Sie sich in der nächste Ausgabe auf „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“
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