„Ein Alptraum hat ein Ende. “
Lohme ist wieder frei und kann in die Zukunft sehen.
Lohme (ur). Im Juni 2008 wurde vom Bauamt des Landkreises Rügen für sechs Gebäude die Nutzung am Steilhang von Lohme untersagt. Dabei handelte sich um eine Pension, ein Café, einen Imbiss, ein Wohn- und Gästehaus, ein Wohnhaus und einen Bungalow. Zur Ursache der Nutzungsverbote teilte das Landratsamt des Landkreises Rügen damals mit: „Die Nutzungsverbote basieren auf einem aktuellen geologischen Gutachten, das die dauerhafte Hangsicherheit – und damit verbunden auch die Standsicherheit einzelner Gebäude – derzeit als nicht gesichert ansieht. Das behördliche Handeln war notwendig, um die Gefährdung von Leben und Gesundheit von Einwohnern und Gästen abzuwenden.“
Betroffen vom Nutzungsverbot war und ist auch das Café Niedlich im Lohmer Hafen. Das Foto oben links entstand, als Café-Inhaberin Annett Siewert im Juni des vergangenen Jahres vom Nutzungsverbot erfahren hatte und voller Sorgen in die Zukunft blickte. Der damals gerade neu gewählte Lohmer Bürgermeister Matthias Ogilvie versprach in dieser Situation Hilfe. Jetzt glaubt er, am Ziel zu sein und sagt: „Ein Alptraum hat ein Ende. Lohme ist wieder frei und kann in die Zukunft sehen.“
Das klingt sehr optimistisch. Werden aber wirklich alle demnächst von Nutzungsverboten befreit und wann wird das konkret der Fall sein?
Befragt nach dem Ende der Nutzungsverbote für die auf der Titelseite genannten Gebäude in Lohme sagte Bürgermeister Matthias Ogilvie: „Ich gehe davon aus, dass die Nutzungsverbote offiziell aufgehoben werden, wenn am 25. Februar diesen Jahres ein Extensometer installiert worden ist. Das ist die Voraussetzung für eine weitere Monitoringmaßnahme zur Online-Überwachung des Hanges in den nächsten Jahren. Bei Alarm soll dann eine unverzügliche Hangbegehung durch die Professoren erfolgen.“
Professoren? Ist Lohme zur Uni-Außenstelle geworden oder zum Freiland-Versuchsobjekt wissenschaftlicher Forschungen? Frei nach dem Motto: „Wir haben eine Theorie über die Hangsicherheit, auch einiges getan und nun schauen wir mal, ob die These der Hangstabilisierung den Praxistest besteht.“ Mit einem eindeutigen „NEIN“ antwortet darauf Bürgermeister Ogilvie. Für ihn steht die Meinungsbildung zur Stabilität des Hanges in Lohme jetzt auf soliden Füßen. Die Zeit der Behauptungen und unbewiesenen Thesen sei vorüber. Rückblickend erklärte er: „In Anwesenheit der Landrätin Frau Kassner, Herrn Pälecke vom Innenministerium, Herrn Walter vom Amt und mir erklärte Professor Krauter am 16. Dezember 2009, als Sprecher auch für die Professoren Borchert und Wichter, dass die Horizontaldrainagen im Hang ein voller Erfolg waren. Bis zum 16. Dezember waren acht Millionen Liter Wasser ausgetreten und die Pegelstände um einige Meter gefallen. Auch das Diakonieheim könne selbstverständlich wieder genutzt werden, wurde mir auf meine Nachfrage geantwortet. Der Hang müsse lediglich abgeflacht und das austretende Wasser gefasst werden. Das sei aber keine große Sache.“
„Mit wissenschaftlichem Sachverstand und praktischen Lösungen“ sei Lohme jetzt „auf dem richtigen Weg“, sagte Bürgermeister Ogilvie. Zu dem, was er in den Ausführungen von Professoren für besonders bedeutungsvoll hielt, erklärte er: „Sehr wichtig waren die Ausführungen von Herrn Prof. Gomolka, dem ersten Ministerpräsidenten von M-V. Er verdeutlichte, dass der Bau des Nothafens für die Fischer im Jahre 1906 die Grundursache für den Absturz legte. Die Findlinge für den Molenbau wurden nicht in Nardevitz gezangt sondern unterhalb der Absturzstelle. Weitaus schlimmer war aber die Umleitung der nordöstlichen Sturmwellen durch die Hafenmole. Hierdurch kam es zu Auskolkungen, dem Rückgang der Küstenlinie und zur Übersteilung des Ufers unterhalb der Diakonie. Das Problem wurde schon kurz nach Fertigstellung des Hafens erkannt und führte in den 1930er Jahren zum Bau einer Ufermauer durch das Gauamt für Technik in Stettin, der damaligen Wasserbehörde.“ Fest steht laut Matthias Ogilvie, dass es seit dem Ende der 1930er Jahre zu der folgenden Entwicklung kam: „Bedingt durch den Krieg und die Probleme der Nachkriegszeit wurde die Ufermauer am Lohmer Hafen nicht gepflegt, weshalb sie in den 1950er Jahren umstürzte. Von da an setzte die Uferrückgangsdynamik wieder ein. Zahlreiche geologische Kommissionen begutachteten in der Folge den Lohmer Hang. Aufgrund mangelnder Mittel erfolgte jedoch keine Sanierung.
1988 hatte Prof. Gomolka den Auftrag zu einer zusammenfassenden Begutachtung des Hangs in Lohme erhalten. Hierzu studierte er alle verfügbaren Quellen zurück bis in die Schwedenzeit. Danach gab es in Lohme erst einen Küstenrückgang nach dem besagten Hafenbau in den Jahren 1906-1909.
In seiner Expertise vom 28.02.1989 schlug er vor: 1. eine Steinauflage für den Strand unterhalb der Diakonie, 2. vorgelagerte Wellenbrecher. Beide Maßnahmen wurden dann von 1995-1997 durchgeführt, der Hafen stellte nur ein nachträgliches Annex dar, auf den die Gemeinde bestanden hatte, weil er vorher da war. Leider war der Hang schon zu sehr geschwächt, um die extremen Witterungsbedingungen vom 19.03.2005 zu verkraften.“
All das ist jetzt Geschichte, allerdings auch eine Vergangenheit, zu der es wohl weiter unterschiedliche Meinungen geben wird. Mit dem Blick nach vorn sagte Bürgermeister Ogilvie: „Ich hoffe, dass am 25. Februar wirklich – so wie geplant – von zentraler Seite alle Verbote und Einschränkungen aufgehoben werden: Hafentreppe und Hafen, das Café Niedlich wie das Klöneck, die Pensionen, Privathäuser und Datschen sind dann wieder frei.“ Optimistisch fügte er hinzu: „Die neue Saison kann ab sofort vorbereitet werden.“
„Ich bin immer noch etwas skeptisch“, sagte Annett Siewert, die Inhaberin des Café Niedlich (siehe Titelfoto) am Montag dieser Woche im Gespräch. Seit dem 3. Juli 2009 hat ihr Café geschlossen. Das war ein schwerer Schlag, denn so entfielen die „dringend benötigten Einnahmen der Hauptsaison“. Für sie begann die Zeit des ungesunden Grübelns in Richtung Zukunft. Das hatte auch gesundheitlich negative Folgen. „Das letzte halbe Jahr war hart für mich“, sagte sie und fügte hinzu: „Rings um ging das Leben im Juli weiter, und wir mussten aufhören zu arbeiten.“ Das war seit 1994 für sie erstmals der Fall. Seit jenem Jahr arbeitet sie im Café Niedlich, und seit dem 1. April 2001 ist sie auch Pächterin des Cafés. Dieses war jedes Jahr von Ende März bis Ende Oktober täglich geöffnet. In den Wintermonaten ist eine Öffnung nicht möglich, da das Café über keine Heizung verfügt. In diesem Winter erhielt Annett Siewert viele Anrufe aus der ganzen Bundesrepublik. Das Nutzungsverbot für das Café Niedlich hatte sich rumgesprochen und so wollte man von ihr wissen, ob und wann wieder geöffnet wird. Das kündet zugleich davon, dass das Café einen ganz besonderen Ruf hat und sein Schicksal in besonders aufmerksamer Weise in der Welt des Tourismus wahrgenommen wird. „Ich würde mich sehr freuen“, sagt Annett Siewert, wenn es am 25. Februar zu einer positiven Entscheidung kommt und alle Nutzungsverbote am Hang aufgehoben werden. Dann sehe ich für mich auch wieder einen Lebenssinn. Das Rumsitzen und Grübeln ohne Arbeit ist mir nicht bekommen.“
In diesem Zusammenhang betonte Annett Siewert, dass sie sehr dankbar dafür ist, dass ihr Bürgermeister Ogilvie „immer wieder Mut gemacht hat. Er hat mich immer wieder aufgebaut und gesagt: Du musst positiv denken.“ Damit hat der Lohmer Bürgermeister das Versprechen gehalten, das er im Juni 2008 gab, als er im Café Niedlich sagte, er werde helfen, wo er nur kann. Jetzt hofft Annett Siewert, dass sie möglichst bald den Bescheid erhält, dass das Nutzungsverbot für ihr Café Niedlich aufgehoben wird. „Bevor ich das nicht schriftlich habe, bleibt bei allen hoffnungsvollen Aussichten ein Rest Skepsis zurück. Wenn alles gut geht, dann wird das Café Niedlich am Samstag, dem 27. März wieder geöffnet. Das wird dann sicher ein ganz besonderes Ereignis. Dann wird richtig gefeiert“, sagt Annett Siewert.
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