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Dieser Artikel wurde am 20. April 2011 um 05:52 Uhr in der Rubrik Allgemeines veröffentlicht. Sie können diesen Artikel auch ausdrucken.

Delegiertenversammlung des Kreisjagdverbandes Rügen

Nationalpark-Jagdverordnung stößt weiter auf Unverständnis

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Das Präsidium der Delegiertenversammlung des Kreisjagdverbandes Rügen e.V. am Samstag, 9. April, im „Freizeitcamp Am Wasser“ in Juliusruh. Im Hintergrund die Jagdhornbläsergruppe „Windland Wittow“. Foto: Pfaffe

Juliusruh (apf).„Jagd ist aktiver Naturschutz“ - das wurde am vergangenen Samstag während der diesjährigen Delegiertenversammlung des Kreisjagdverbandes Rügen e.V., der derzeit 445 Mitglieder zählt, am 9. April im „Freizeitcamp Am Wasser“ in Juliusruh selbst Laien deutlich.

Als Gäste begrüßte Holger Nebel, Vorsitzender des Kreisverbandes, neben den Delegierten der Hegeringe auch Rügens Landrätin Kerstin Kassner, den Landrat von NVP Ralf Drescher, den Wildtierökologen Dr. Jürgen Goretzki vom Johan Heinrich von Thünen Institut Eberswalde, Burkhard Lenz (CD), MdL und stellvertretendes Mitglied des Agrarausschusses des Landtages), Dr. Peter Jungmann als Vizepräsident des Landesjagdverbandes, Walter Lonskowski vom Kreisbauernverband Rügen e.V., Hannjörg Abeler als Vertreter der Wildschadensausgleichskasse, Kreisjägermeister Ulrich Mielke, Volker Schauer, Hegegemeinschaftsvorsitzender Rot und Damwild Rügen, Prof. Dr. Axel Siefke, „nicht nur als Ehrenmitglied sondern immer mehr als wissenschaftlichen Zuarbeiter im Unruhestand des KJV und LJV“ sowie Ingo Reichelt als Vertreter des KJV Nordvorpommern und Dr. Ingolf Stodian als kommissarischer Dezernatsleiter des NLP Jasmund. „Jäger sind verbündete der Natur, praktizierende Naturschützer“, so Ralf Drescher in seinem Grußwort. „Wir müssen öffentlich deutlicher klarstellen, wie groß ihre Leistungen für unsere Gesellschaft sind. Unsere Behörden und die Jäger haben das gemeinsame Ziel: einen gesunden Wildbestand.“

Das erntete großen Beifall bei den Delegierten, denn nicht überall in der Politik scheint diese Erkenntnis so vorzuherrschen. Weiterhin führte Landrat Drescher aus, dass auch der Kreis NVP versucht habe die neue Nationalpark Jagd –VO zu verhindern. Für den Fall des künftigen Großkreises sprach er sich für den Erhalt der Unteren Jagdbehörde in Bergen als eine von mehreren Außenstellen im Kreis aus. Ebenso plädiert er für den Erhalt der Wildschadensausgleichskassen in jetziger Form.

Quo vadis Jagd? - Rügener Jäger in Sorge um Rahmenbedingungen der Hege

In seinem Bericht wurde Holger Nebel deutlich. „Das vergangene Jahr war geprägt durch Sitzungen, Stellungnahmen und nochmals Sitzungen. Leider konnten die vielen sachlichen Argumente der Jägerschaft im Ministerium und auch im Kreis Rügen bisher nicht umgesetzt werden. Es stellt sich die Frage ob und wie wir die an uns gestellten Aufgaben künftig erfüllen werden. Die heutige Jagdausübung tendiert mehr und mehr zur Schutzaufgabe von land- und forstwirtschaftlichen Flächen sowie baulichen Anlagen als zur Ausübung einer leidenschaftlichen Passion. Vor der Zunahme der Produktion von Biomasse sind auch wir nicht ausgenommen. Wenn die bisherige Jagdausübung nun auch noch durch diverse Verordnungen und Schutzgebietsverordnungen in erheblichem Maße eingeschränkt wird, kommen mächtige Probleme auf uns zu.“

Prof. Dr. Axel Siefke untermauerte dies. „Wild ist herrenloses Gut und im Land haben die Jäger die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Wild zu hegen. Das funktioniert gut - auf Grund der Passion zum Jäger und auch deshalb, weil der Jäger Geld einsetzt wie für die Pacht, Jagdausübung oder Wildschadenausgleich. Aber letztendlich bedeutet dies doch, dass wir als Jäger diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe allein bezahlen ...“

Um so unverständlicher seien dann immer neue Reglementierungen seitens der Politik. Prof. Siefke an diese: „Wenn Sie Schädlingsbekämpfung wollen, dann müssen Sie den Schädlingsbekämpfer bestellen und schließlich auch bezahlen.“

Immer wieder war es die neue Nationalpark-Jagdverordnung aus 2010, die auf Unverständnis bei den Jägern stieß.

Dr. Peter Jungmann, Vize- präsident des Landesjagdverbandes, gab zudem zu bedenken, dass der Landesjagdverband bei der Erarbeitung dieser Verordnung zwar sein Statement eingereicht habe, welches aber in keiner Weise Berücksichtigung gefunden hat. Deshalb forderte Volker Schauer, Hegegemeinschaftsvorsitzender Rot und Damwild Rügen, die „Sicherstellung des Mitspracherechtes bei allen Belangen, die in Zusammenhang mit der Natur stehen. Schließlich ist der Jagdverband einer der größten anerkannten Naturschutzverbände.“

Das zunehmende Monokulturen wie Raps und Mais, als nachwachsende Rohstoffe für zunehmend mehr Biogasanlagen entscheidende Veränderungen im Lebensraum des Schwarzwildes mit sich bringen, unterstrich Kreisjägermeister Ulrich Mielke. Berücksichtige man dann noch die zeitlichen Regulierungen zur Bejagung von Schwarzwild, dann sei fraglich, ob man der laut Jagdgesetz festgelegten Verantwortung noch nachkommen könne, ohne dass der Wildschadenausgleich zum Greifen käme. Er würde es begrüßen, wenn junge Menschen, die in der Landwirtschaft ausgebildet werden, zugleich als Jäger ausgebildet würden. Einerseits, um den Nachwuchs zu sichern, andererseits, um gemeinsam Problemlösungen zu finden.

Hannjörg Abeler von der Wildschadensausgleichskasse ( eine Solidarkasse in die alle Jagdpächter einzahlen, Anm. der Redaktion) bestätigte in seinem Bericht dass nahezu alle festgestellten und regulierten Schäden durch Schwarzwild verursacht wurden.

„Wir brauchen ein ökologisches Realitätsdenken“, so Dr. Jürgen Goretzki. „Wir dürfen auf der einen Seite nicht kostenaufwändigen Artenschutz betreiben und auf der anderen Seite darauf hoffen, dass sich manches selbst klärt. Das wird so nicht eintreten.“ Weiterhin rief er die Jägerschaft zu aktiver Mitarbeit bei der seit 1989 ? auf Rügen jährlich durchgeführten Fuchsforschung auf. Dr. Ingolf Stodian, kommissarischer Leiter des Nationalparkes Jasmund, stieß in seinem Redebeitrag eine Tür auf: Wir müssen sehen, ob wir mit der Nationalpark-Jagdverordnung leben können. Und wir müssen dabei aufeinander zugehen. Im Kerngebiet gilt die strikte Umsetzung der Verordnung. In Grenzbereichen sollten wir versuchen, die Probleme moderat zu lösen.“

Für die Lösung der existenziellen Probleme wird sich auch Burkhard Lenz im Arbeitskreis Landwirtschaft des Landtages M-V einsetzen. „Wir werden uns kurzfristig mit dem Arbeitskreis vor Ort ein Bild von der Tauglichkeit der neuen Nationalpark-Jagdverordnung machen.“ Diese wurde im Landwirtschaftsministerium von Til Backhaus ( SPD) erarbeitet und nicht im Landtag diskutiert.

Fragen an den Vorsitzenden des Kreisjagdverbandes

Im Anschluss an die Delegiertenkonferenz fragte OSTSEE ANZEIGER - Der Rüganer (OAZ) beim Vorsitzenden des Kreisjagdverbandes Rügen , Holger Nebel (HN), nach:

OAZ: Wo liegen die Hauptprobleme der Verordnung?

HN: Zum Ersten ist der Geltungsbereich zu nennen: Die Verordnung gilt auf allen Flächen des NLP, also neben der Stubnitz auch Westrügen, Hiddensee sowie die über Jagdgenossenschaften verpachteten Splitterflächen. Bei strenger Auslegung haben die dortigen Jäger nun 2 Jagdzeiten auf den Bock innerhalb des Revieres; Fuchs und Marderhund müssen vor der „Schutzgebiets-Grenze“ im Revier erlegt werden, Schwarzwild darf nicht mehr effektiv angekirrt werden und geschlossene Kanzeln dürfen nicht mehr Neuerrichtet werden. Besonders die Insel Hiddensee ist betroffen, bisher mussten die Jagdgenossen (Grundeigentümer) dem errichten von jagdlichen Ansitzen zustimmen, dies behält sich nun das NLP- Amt vor. – völlig Praxisfremd: im Herbst/ Winter halten Sie es kaum 20 Minuten im Wind bei eisigen Temperaturen aus, wie sollen Sie dann noch auf Sauen ansitzen? Der Schwarzwildbestand ist durch Zufallserlegung mit Sicherheit nicht zu reduzieren.

Auch ist die Jagdausübung auf Schalenwild beschränkt; die sammelnden Allesfresser wie Fuchs und Marderhund dürfen nur zu Untersuchungszwecken erlegt werden. Diese nehmen u.a. auch Amphibien und Gelege auf, was sich negativ auf die Artenvielfalt auswirkt. Unakzeptabel sind auch die Abschusskriterien, die denen der Hegegemeinschaft widersprechen.

OAZ: Warum hat das Ministerium die VO geändert?

HN: Ausschlaggebend sind wohl bundesweite „grüne“ Tendenzen. Die Jagdentfremdeten Gegner der traditionellen Jagd aus dem hauptberuflichen Naturschutz prangern überhöhte Wildbestände an ohne jedoch den Bestand genau beziffern zu können, Wild kann man nicht zählen. Aktuell reitet man auf Wildwirkungs- Ergebnissen rum- allerdings gibt es kein Verfahren welches die Höhe des Bestandes wiederspiegelt. Die Wirkung des Wildes ist unter anderem auch stark abhängig von Störungen durch Waldbesucher, Geocoacher, freilaufende Hunde und auch Drückjagden zu Notzeiten. Das winterliche Äsungsangebot im gesamten Lebensraum des Wildes wird hierbei nicht untersucht, was soll das Wild denn äsen, wenn hohe Strauchschichten( z.B. Brombeere, Himbeere) in der Stubnitz fehlen? Die Veränderungen der Fruchtfolgen in der Landwirtschaft tun ihr übriges. Wild hält sich nicht an Schutz- Grenzen!

Prof. Hofmann brachte es unlängst bei einer Tagung in Thüringen auf den Punkt: Um den Verbissdruck von den Bäumen zu nehmen benötigt das Wild auf 20 Prozent der Waldfläche Wiesen mit Kräutern… wo gibt es diese noch? Die Wiesen werden nicht mehr gepflegt, verschilfen und sind somit unattraktiv für das Wild. Auch müssen wir das Thema der Fütterung beachten; früher standen in jedem Wald Raufen, die Förster sorgten letztlich auch zum Schutz der Bäume für Raufutter und Baumfrüchte in der äsungsarmen Zeit. Heute darf nur bei ausgerufener Notzeit gefüttert werden.

OAZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

HN: Als oberste Aufgabe der Jagdausübung zitiere ich die Präambel des Landesjagdgesetzes: „ Die freilebende Tierwelt ist wesentlicher Bestandteil der Natur. Sie ist als Teil der überregionalen natürlichen Umwelt in ihrer Vielfalt zu bewahren. Die Hege ist eine gesellschaftliche Aufgabe und hat die Nachhaltigkeit der Vorkommen an heimischen Wildtierarten zu gewährleisten.“- dies gilt natürlich auch für das kaum noch vorkommende Niederwild wie Rebhuhn, Fasan und co., leider sind Arten wie Wolf, Nandu, Rabenvögel oder Feldlerche aktuell Medienwirksamer und erhalten mehr Unterstützung anderer Verbände und des Ministeriums.

Für Rügen wünsche ich mir die Vermeidung von weißen Flecken auf der jagdlichen Landkarte. Das Wild stellt sich dort ein, wo es Ruhe, Deckung und Äsung findet. Wenn die Jägerschaft nun an gesetzlich geschützten Biotopen wie Röhrichtbeständen oder Großschutzgebieten eingeschränkt wird müssen wir in Zukunft die Frage des Wildschadenersatzes neu definieren. So wird in den LSG Verordnungen von Westrügen und Südwestrügen u.a. das errichten von neuen jagdlichen Einrichtungen verboten. Diese sind jedoch abhängig von der Fruchtfolge auf dem Acker; ein alter Sitz nutzt gar nichts wenn der Maisschlag 400 m weiter beginnt. Auch sind erhöhte jagdliche Einrichtungen bezüglich der Sicherheit ein Muss, brauchen wir doch Kugelfang um Personen- und Sachschäden zu vermeiden.

Das der Jäger „Schuld“ an eintretenden Schäden durch herrenloses Wild ist muss künftig bei Überreglementierung überdacht werden.

Die Naturschutz- Diskussionen sollten auf Sachebene geführt und nicht irgendwelchen grünen Ideologien nachgelaufen werden. Leider wird immer wieder vergessen, dass es die Förster vor langer Zeit waren, die die Wälder in ihrem heutigen Erscheinungsbild angelegt haben; die Landwirte gestern wie heute das Landschaftsbild in unserer Kulturlandschaft prägen- mit allen Vor- und auch Nachteilen. Wünschenswert ist auch jagdlicher Nachwuchs- der demographische Wandel geht auch an uns nicht vorbei, die Jägerschaft altert und die gesellschaftlichen Jagd- Aufgaben werden zunehmen. Bei entsprechender Nachfrage würden wir auch kurzfristig einen Jungjägerlehrgang durchführen.

OAZ: Danke für die ergänzenden Erläuterungen Herr Nebel. OSTSEE ANZEIGER wird die Öffentlichkeit über die Arbeit des Kreisjagdverbandes weiter auf dem Laufenden halten.

(Das Interwiev führte Andreas Pfaffe.)