“Bei Gefahr würde ich hier keinen Urlaub verbringen!”
Interview mit Dr. Walter Haas, Privatdozent vom Robert-Koch-Institut
Rügen (RA). Seinen Urlaub auf Rügen verbrachte bis zum vergangenen Sonntag der im Robert-Koch-Institut zuständige Fachgebietsleiter für Respiratorische Krankheiten und Impfprävention der Abteilung für Infektionsepidemiologie, PD Dr. Walter Haas. Der RÜGANER ANZEIGER sprach mit Dr. Haas über die Vogelgrippe, die Gefahren für Mensch und Tier und seine Urlaubseindrücke.
RA: Vor kurzem wurde die Vogelgrippe mit dem Virus H5N1 auf Rügen entdeckt und Sie machen hier Urlaub? Dr. Haas: Natürlich. Mit einer weiteren Ausbreitung der Tierseuche auch nach Europa und Deutschland musste gerechnet werden und der Nachweis des Virus bei Wildvögeln in Rügen hat die Gefährdungssituation nicht grundsätzlich verändert. Wenn kein Kontakt zu toten oder kranken Tieren besteht, gibt es auch keine Gefahr für Urlauber und die hier lebenden Menschen. Meine Frau und ich haben den Urlaub hier auf Rügen richtig genossen. Wir kommen auch wegen der Natur auf diese schöne Insel und jeder Tag war wunderbar.
RA: Also kann man doch weiterhin nach Rügen reisen? Dr. Haas: Selbstverständlich. Die Weltgesundheitsorganisation hat kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass noch nie ein Erkrankungsfall nach Kontakt zu Wildvögeln beobachtet worden ist. Alleine aus hygienischen Gründen sollten Bürger kranke oder verendete Wildvögel nicht anfassen. Es gibt daher keinen Grund, nicht nach Rügen zu fahren.
RA: In welchem Zusammenhang stehen Vogelgrippeerkrankungen bei Tieren und Menschen? Dr. Haas: Sowohl bei verendeten Hühnern, als auch bei erkrankten Personen wurden Influenza A-Viren vom Subtyp H5N1 identifiziert. Die meisten an der Vogelgrippe erkrankten Personen hatten im Vorfeld sehr engen Kontakt zu erkranktem Geflügel. Säugetiere und Menschen müssen sehr große Virusmengen aufnehmen, um sich zu infizieren. Selbst bei einer Erkrankung scheiden Säugetiere und Menschen nur sehr geringe Virusmengen aus, so dass sich aufgrund bisheriger Erfahrungen Erkrankungen unter ihnen nicht weiter verbreiten. Insgesamt besteht für die Übertragung von H5N1-Viren zwischen Vögeln und Säugetieren eine erhebliche Barriere.
RA: Ist die derzeit auftretende Vogelgrippe für die Bevölkerung in Deutschland gefährlich? Dr. Haas: Bisher kam es in Asien nur zu Erkrankungen bei Menschen mit engem Kontakt zu erkrankten Geflügelbeständen. Bei Touristen oder Geschäftsreisenden ist die Erkrankung bislang noch nie beobachtet worden. Falls einfache Verhaltensregeln eingehalten werden, das heißt ein direkter Kontakt mit kranken oder verendeten Wildvögeln und deren Ausscheidungen vermieden wird, besteht nach den bisherigen Kenntnissen auch keine Gefahr für Menschen in Deutschland. In Deutschland sind bislang keine Geflügelbestände von der Vogelgrippe betroffen. Selbst wenn dies der Fall wäre, gibt es bereits klare Empfehlungen für Schutzmaßnahmen, um die beruflich exponierten Personen vor einer Infektion zu schützen.
RA: Sind auch Haustiere durch die Vogelgrippe gefährdet? Dr. Haas: Bisher sind Haustiere durch die Vogelgrippe nicht besonders gefährdet. In der Praxis sind allerdings noch nie infizierte Katzen beobachtet worden, eine Übertragung auf den Menschen ist demzufolge noch nicht nachgewiesen worden und dürfte extrem unwahrscheinlich sein. Zudem sind nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft Singvögel und Tauben, als mögliche Beute der Katzen, nicht als Überträger des Vogelgrippe-Virus bekannt. Eine Infektion und Erkrankung von Hunden ist bis jetzt nicht bekannt. Pflanzenfressende Haustiere, Rinder und Pferde sind in der Regel nicht gefährdet, sich mit H5N1 zu infizieren.
RA: Können Geflügelfleisch und Eier weiterhin unbedenklich verzehrt werden? Dr. Haas: Ja, aber grundsätzlich sollten zum Schutz vorher Geflügelfleisch und Eier ausreichend erhitzt werden. Dabei würde das Erhitzen auch das Vogelgrippevirus abtöten. Beim Umgang mit rohen und gefrorenem Hühnerfleisch sollten die allgemeinen Hygienerichtlinien eingehalten werden. Der Import von Geflügel und Geflügelfleischerzeugnissen aus Staaten, in denen das Vogelgrippevirus in Geflügelbeständen auftrat, ist verboten und auch in Deutschland würden betroffene Höfe sofort gesperrt.
RA: Warum gibt es noch keinen Impfstoff? Dr. Haas: Ein Impfstoff muss einen oder mehrere Eiweißstoffe (Antigene) genau des Virus enthalten, gegen das er schützen soll. Falls sich das Virus zukünftig so verändert, dass es leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann, könnte das die Entstehung einer weltweiten Influenzapandemie bedeuten. Mit der Herstellung des Impf-stoffs für die Bevölkerung kann für diesen Fall erst dann begonnen werden, wenn das Virus, das die Pandemie verursacht, bekannt ist. Aber auch schon jetzt laufen Vorbereitungen, damit eine Impfstoffproduktion möglichst rasch erfolgen kann.
RA: Stellen Zugvögel eine Gefahr für die Bevölkerung und die einheimischen Vögel dar? Dr. Haas: Für die Bevölkerung geht beim Vermeiden des direkten Kontakts zurzeit keine Gefahr von Zugvögeln aus. Bei Kontakt mit infizierten Zugvögeln können sich allerdings auch einheimische Wildvögel mit der Vogelgrippe anstecken
RA: Wie ist beim Auffinden toter Vögel vorzugehen? Dr. Haas: Kranke oder tote Vögel sollten grundsätzlich nicht berührt oder herumgetragen werden. Beim Auffinden toter Vögel (insbesondere Wasservögel und Greifvögel) sollte das zuständige Veterinäramt, die Gemeinde oder der Landkreis benachrichtigt werden.
RA: Kann das H5N1-Virus über mit Vogelkot ver-schmutzten Regenwassernutzungsanlagen oder anderen Oberflächengewässern übertragen werden? Dr. Haas: Das Risiko wird als gering erachtet, da ein hoher Verdünnungseffekt von Vogelgrippevirus, in Brauchwasser und Seen oder der Ostsee besteht. Dies gilt auch für andere Viruskrankheiten. Die bisher erhobenen Daten zeigen, dass offenbar für eine Infektion des Menschen die Aufnahme einer hohen Virusdosis erforderlich ist, die in diesen Gewässern bei weitem nicht erreicht werden. Ein solcher indirekter Übertragungsweg über See- oder Meerwasser ohne direkten Kontakt mit Tieren oder deren Ausscheidungen ist bisher bei den 173 erkrankten Menschen weltweit nicht berichtet worden.
RA: Vielen Dank für dieses Gespräch. Wann dürfen wir Sie wieder auf Rügen begrüßen? Dr. Haas: Seit Jahren besuche ich die Insel. Ich komme mit Sicherheit als treuer Stammgast bald wieder.
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