Absperrungen oder Warnschilder angesichts von Gefahren an der Steilküste?
Wanderer erlebten zwischen Kap Arkona und Vitt trotz Sprengung eines Ufervorsprunges am 1. März auch noch am 4. März Absperrungen
Von Wolfgang Urban
Arkona. Jahr für Jahr gehören Abbrüche an unserer Steilküste gerade in der jetzigen Jahreszeit zum Alltag des Lebens auf Rügen. Einheimische kennen die Gefahren, die damit verbunden sind. Besucher der Insel müssen indes darauf aufmerksam gemacht werden, dass zur Faszination der Steilküste auch die von ihr ausgehenden Gefährdungen gehören.
Die romantische Schönheit der Natur am Meer und deren verhängnisvolle Gefahren gehören zusammen. Inselmenschen wissen dies. Hätten sie es nicht gelernt damit umzugehen, dann wären sie hier nicht überlebensfähig gewesen. Aber seit über zweihundert Jahren strömen immer mehr an das Meer, die hier nur zeitweilige Besucher sind, und damit unerfahren im Umgang mit der Inselnatur. Hier ist gut sein!, verkündete an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert der Altenkirchener Pastor Kosegarten in einer seiner berühmten Predigten am Ufer von Vitt. In romantischer Weise schwärmte er von der Natur und den Vorzügen des Lebens auf Rügen. Zusammen mit anderen Dichtern und Malern wie Caspar David Friedrich hatte er Anteil daran, dass in der Ferne jene Rügen-Sehnsucht entstand, die zur Einnahmequelle des Fremdenverkehrs wurde. Fast zweihundert Jahre sprudelte diese Quelle vor allem im Sommer auf Rügen. Erst in den letzten Jahrzehnten konnte ihr Sprudeln immer mehr in die Zeit davor und danach ausgedehnt werden. Sogar am vergangenenen Wochenende waren Urlauber wandernd in der Abgeschiedenheit des Nordens von Rügen zu erleben. Das sind andere Besucher als die Sommer-Badegäste auf Rügen. Dem rauhen Winterwetter kleidungsmäßig angepasst und mit Schuhen, für die ein steiniger Strand mit Schnee und Glätte kein Problem ist, fragte am vergangenen Samstag eine Frau vor dem Absperrzaun auf dem Foto oben in der Mitte, ob da hinten am Ufer ein Weg nach oben führt. Als sie vom Veilchenweg hörte und davon, dass er zur Zeit etwas schwer begehbar sei, war dies für sie wohl mehr eine Herausforderung als eine Abschreckung. Auch das Wort Absperrung wirkte angesichts dessen nicht schreckhaft, da die Erdmassen des einst besonders gefährlichen Ufervorsprungs nicht mehr drohend in der Höhe zu sehen waren, sondern abgesprengt am Ufer lagen. So wanderte sie mit ihrem Begleiter hinter den Absperrzaun und dann den Veilchenweg hinauf zum Kap Arkona. Die Romantik einer wilden Natur prägt diesen Weg. Man kann sie mit Sprengungen in ihrer natürlichen Veränderung beeinflussen, aber beherrschen kann man sie nicht. So sehr man auch Zäune errichtet, so sehr bleibt die Sehnsucht, die Natur gerade in ihrer Ursprünglichkeit zu erleben. Wo diese Sehnsucht von Menschen nur auf Zäune stößt, wird sie sich andere Ziele suchen, als die Steilküsten von Rügen. Übrigens: Welchen Sinn macht eigentlich eine Sprengung an der Steilküste, wenn der entsprechende Steilküstenabschnitt danach trotzdem für Wanderer gesperrt bleibt? Ist die Sperrung das Eingeständnis dessen, dass man die Gefahrenlage doch nicht ganz beseitigen konnte? Oder war am Samstag einfach das Schild noch nicht fertig, das den Wanderer über die Gefahr aufklärt und ihm als mündigen Bürger die Entscheidung überlässt, ob er weiter geht oder umkehrt? Ein Schild dieser Art steht bereits seit längerer Zeit dort am Ufer, wo in der Höhe der slawische Burgwall beginnt. Vollkommen berechtigt verkündet es: Umgehen des Hochufers auf eigene Gefahr! Abbruch- & Lebensgefahr! Die Frage wird künftig wohl immer wieder stehen, ob ein Zaun oder ein Schild die angemessene Antwort auf die jeweilige Gefahrenlage an der Küste ist. Sorgsames Abwägen ist dabei notwendig, denn mit jedem Zaun am Meer wird Rügen unattraktiver. Eine sichere, aber dabei steril sanierte Insel ist kein Urlaubermagnet.
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